Die Juden - Das geschundene Volk
Die Geschichte des jüdischen Volkes - 2000 Jahre in der Fremde
Jüdisches Leben zwischen Selbstbehauptung, Verfolgung und Assimilation
Was zeichnet das Judentum aus? Mit bis heute nur 13 Millionen Menschen jüdischen Glaubens ist das Judentum eine der kleinsten Weltreligionen und dennoch der älteste monotheistischer Glaube der Welt.In der Fragestellung, was ist das Judentum, gibt es vielzählige Sichtweisen: Letzten Endes sind die Juden je nach Kontext sowohl eine Kultur, ein Volk, eine Nation, ein Glaubenssystem, eine soziale Gruppe und eine historisch-politische Einheit..
Die Religion als Basis der gemeinsamen Geschichte schuf für das jüdische Volk ein Zusammengehörigkeitsgefühl, dass die Jahrtausende überdauerte. Die drei wesentlichen Pfeiler des Judentums sind dabei Gott, die Thora und das Land Israel.
Die Thora ist der 1. Teil der dreiteiligen jüdischen Bibel und umfasst die ersten fünf Bücher Mose (identisch mit der Bibel). Sie ist das heiligste Objekt im Judentum und wird oft mit Gesetz gleichgesetzt, bedeutet aber eigentlich Lehre oder Unterweisung. Aus der Tora wird täglich in der Synagoge gelesen.
Der Talmud = Regelwerk
Der Siddur = Gebetzbuch
Die Haggada = Erzählung der Flucht aus Ä
gypten (Bedeutend für das Pessach-Fest)
Der Sohar = Text zur jüdischen Mystik
Im Glaubensverständnis der Juden sehen sich diese selber als das von Gott auserwählte Volk - mit Gott wurde quasi ein Pakt am Berg Sinai geschlossen.
Mit diesem Bund erkannten die Juden die Souveränität Gottes an und unterwarfen sich seinen Geboten als Gegenleistung für die Befreiung der Israeliten aus der Gefangenschaft der Ägypter.Sie erlangten damit göttlichen Schutz als Gegenleistung für die Einhaltung seiner Gebote.
Die Juden hatten damit auch den Auftrag, den Heiden ein Licht (Vorbild) zu sein. Ethisches Leben wurde daher als Geste der Demut gegenüber Gott verstanden, so wie man Gott in allen seinen Aspekten nacheifern soll. So ist auch die Sorge um das Allgemeinwohl, um Arme und Bedürftige ein wichtiger Bestandteil jüdischen Denkens und jüdische Gemeinden haben bis heute in aller Regel ein hochentwickeltes System sozialer Wohlfahrt.
Die Grundlage des jüdischen Lebens sind die 613 Gebote der Tora. Nichtjuden sollen wenigstens die 7 Gesetze Noahs einhalten: Kein Götzendienst, Blasphemie, Mord, Sexualstraftaten, Diebstahl, Gewalt gegen Tiere.Im Talmud erklärt der Lehrer Simon der Gerechte, die Welt beruhe auf der Thora und Guten Taten gegenüber den Mitmenschen und tatsächlich gilt im Judentum ethisches Handeln nicht als Streben für eine Belohnung im jetzigen Leben oder dem Nachleben, sondern um seiner selbst willen als von Gott auferlegte Pflicht, die sogenannte Mizwot. Die Verbesserung der Welt, das Tikkun olam, ist ein zentraler Bestandteil diese moralischen Denkens.
Das jüdische Moralempfinden wird alleine schon dadurch deutlich, dass Vegetarismus eigentlich als Idealzustand angesehen wird und wenn schon Tiere getötet werden müssen, dieses schnell und schmerzlos und damit koscher erfolgen müsse. Aus diesem Grunde ist den Juden auch die Jagd verboten, da hier Tiere verletzt und Ihnen unnötige Schmerzen bereitet würden. Grundsätzlich sind die jüdischen Speisegesetze somit auch ein Ausdruck der Heiligkeit des Lebens.
Im Gegensatz zum Christentum kennen die Juden keine Heiligen und so wird selbst bedeutenden Personen der jüdischen Geschichte keine Verehrung zuteil, nicht einmal Moses.
Auch der christliche Gedanke der Erbsünde ist ihnen fremd. Ein jeder kommt mit den gleichen Gaben auf die Welt und wird mit dem Potenzial geboren Gutes oder Schlechtes zu tun.
Der Einzelne trägt somit die Verantwortung für seine Handlungen.
Dennoch kennt das Judentum auch die Idee des Messias und außer Jesus gab es in der Geschichte des Judentums auch andere Persönlichkeiten, die sich als Messias berufen fühlten.
Nach jüdischer Vorstellung bestrafte Gott die Israeliten mit dem Verlust ihres Landes und der Zerstreuung in die Welt. In der Hoffnung, dass tiefe Reue den Bund mit Gott wiederherstellen würde unterwarfen sich die Juden strenge Glaubensregeln, mit denen sie sich jedoch oft von den sie umgebenden Kulturen ausgrenzten.
Dadurch, dass die Juden in so viele Länder verstreut waren und ihnen oft nur Handel und Geldgeschäfte als Broterwerb erlaubt waren, erlangten die Juden durch kaufmännisches Geschick und Sprachgewandtheit jedoch eine herausragende Rolle im internationalen Handel, ja wurden zuweilen sogar zu Finanziers von Fürsten und Königen.
Dennoch ist die Geschichte des Judentums vor allem eine lange Liste von Katastrophen, begonnen mit der Versklavung durch die Ägypter, der Eroberung durch die Assyrer, der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier, der hellenistische Einflussnahme, der darauf folgenden römische Besetzung und damit der Vertreibung aus dem gelobten Land, der prekären Lage im Mittelalter, gipfelnd im Holocaust des 20. Jh. und den heutigen Spannungen mit der arabischen Welt.
Der Ursprung des Judentums
Am Beginn der jüdischen Geschichte steht Abraham, der als Stammvater des jüdischen Glaubens und als Urvater der Stämme Israels gilt, auch wenn diese Zeit noch lange von dem Gedanken eines jüdischen Volkes entfernt war.Zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt verließ Abraham seine Heimatstadt Ur im Süden Mesopotamiens am Euphrat und wanderte bis in das Land Kanaan. Er hatte sich von der Vielgötterei seines Stammes losgesagt und glaubte nur noch an einen einzigen Gott - mit ihm beginnt der sog. Monotheismus, den Juden, Christen und Moslems bis heute gemein haben.
Abrahams Sohn trug den Namen Isaak und sein Enkel war Jakob. Der Name „Israel“ geht auf diesen Jakob zurück, denn wie es in der Bibel beschrieben wird soll er eines Nachts mit einem Engel Gottes gekämpft haben und erhielt so den Beinamen Israel, hebräisch für „Gotteskämpfer“.
Im Jugendalter verließ Jakob sein Vaterhaus und zeugte in der Fremde mit seiner Frau Rahel 12 Kinder, darunter Joseph. Durch die Missgunst seiner Brüder wurde dieser jedoch an Sklavenhändler aus Ägypten verkauft. Aufgrund seiner Gabe, Träume deuten zu können, gewann Joseph jedoch die Gunst des Pharaos und wurde zu einem Wirtschaftsverwalter ernannt.
In sieben ertragslosen Jahren kam es jedoch zu großen Hungersnöten, woraufhin Jakob und die verbliebenen 11 Söhne in der Hoffnung Getreide zu erwerben nach Ägypten gelangten. Hier kam es zu einem Wiedersehen der Familie mit dem Verstoßenen.
Joseph überredete die Familie in Ägypten zu bleiben und diese vermehrte sich hier und wuchs über viele Jahrzehnte zu einem großen Volk in der Fremde heran.
Somit sahen sich die Juden bereits in den frühesten Anfängen ihrer Geschichte quasi als Fremdkörper in einer andersgearteten Umwelt, bzw. wurden als solcher wahrgenommen, und mussten sich von Anfang an dagegen behaupten.
Die Flucht aus Ägypten
Schließlich unter der Herrschaft Pharao Ramses II begann die erste Leidenszeit der Israeliten, beschrieben im zweiten Buch Mose (Exodus). Die Israeliten wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet und viele von Ihnen starben unter den Strapazen.Der Prophet Moses, geboren im 13. Jh. v. Chr. wurde nach der Geburt auf dem Nil ausgesetzt, da auf Geheiß des Pharaos alle männlichen Neugeborenen getötet werden sollten. Er wurde von der Tochter des Pharaos jedoch gefunden und an Sohnes statt angenommen. In der Vorstellung der Israeliten wurde er zu einem von Gott gesandter Retter und sollte die israelitischen Stämme zurück nach Kanaan führen.
In einer vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste Sinai erhielt Moses schließlich auf dem Berg Sinai von Gott die „Zehn Gebote“, welche Teil des Bündnisses zwischen Gott und dem Volk Israel werden. In Kanaan angelangt eroberten die Israeliten das inzwischen von anderen Völkern bewohnte Land in blutigen Kämpfen zurück. Das Volk der Philister (von Ihnen leitet sich der Name Palästina ab), die im Bereich des heutigen Gaza-Streifens siedelten, verfügte jedoch über Waffen aus Eisen und sie brachten den israelitischen Stämmen vernichtende Niederlagen bei.
Das Königreich Israel
Im siegreichen Kampf des scheinbar schwachen Davids gegen den übermächtigen Philisters Goliath entschied sich das Schicksal des jüdischen Volkes und David wurde schließlich König der Juden. David machte Jerusalem zu seiner Residenzstadt und begründete eine Dynastie, die viel Jahrhunderte herrschen sollte.Auf König David geht auch der sog. Davidsstern zurück, den die Nazis später als Symbol pervertieren sollten. Der Sechsstern symbolisiert die Einigung der Völker, die König David zu verdanken war, da er die bis zu seiner Regierungszeit recht eigenständigen Stämme zu einem Volk mit bewusster Nationalität einte. Der Davidstern ist auch heute noch DAS Symbol des Judentums und Bestandteil der Flagge Israels.
Erst in dieser Zeit, mit der Entstehung des Königreichs Israel um 1000 v. Chr., wurden die Juden als Nation verstanden und als politische Größe wahrgenommen.
In der Folgezeit wurde das Gebiet der Juden häufig durch einander abwechselnde Großreiche erobert und besetzt, zuerst durch die Ägypter, Assyrer und Babylonier, dann durch Perser, Meder, Makedonen und Römer.
Allerdings richtete sich deren Politik hauptsächlich auf den Zusammenhalt ihres Reiches und dessen wirtschaftlicher Erträge, so dass sie die Religionen der unterworfenen Völker oftmals bestehen ließen. Allerdings lehnte das Judentum als monotheistische Religion den Polytheismus und die orientalischen Gottkönigskulte aufgrund seines Glaubens an einen einzigen Schöpfergott kategorisch ab.
Die Juden verstanden sich als von Gott erwähltes Volk mit einem Auftrag für alle übrigen Völker, was den gläubigen Juden die Teilnahme an den Kulten der anderen Völker somit unmöglich machte. In diesem Glauben an die Sonderstellung der Juden unter den Völkern mag mit eine Ursache antiker Judenfeindlichkeit zu suchen sein, was besonders bei der der griechisch-römischen Oberschicht und später dem Katholizismus zur offenen Judenfeindschaft führte.
Auch war das jüdische Volk im Verlauf seiner Geschichte immer wieder gezwungen, ins Exil zu gehen, und konnten seine Identität nur in strikter Abgrenzung von den fremdartigen Kulturen in ihrer Umgebung bewahren, was die Andersartigkeit der Juden weiter unterstrich.
965 v. Chr. wurde die Herrschaft über den israelitischen Staat von Salomon, einen Sohn Davids, übernommen, der berühmt wurde für seine Weisheit und Politik des Ausgleichs. Er bemühte sich stets um diplomatisches Vorgehen und widmete sich dem Ausbau von Handel und Gewerbe, sowie um enge kulturelle und ökonomische Verbindungen zu den Phöniziern. Er gewährte dem Land lange Zeit Frieden und Ruhe und unter seiner Herrschaft wurde Israel reich und mächtig.
Als König Salomon im Jahr 926 v. Chr. starb, zerfiel das Königreich in zwei rivalisierende Staaten, Israel im Norden und Judäa im Süden (aus dem Namen Judäa leitet sich der Begriff Juden ab). Nach Salomons Tod, kam sein Sohn Rehabeam an die Macht. Seine Untertanen baten ihn, sie von den hohen Steuern und der Fronarbeit zu befreien. Doch als er sich weigerte, erhoben sich die zehn nördlichen Stämme und riefen das Königreich Israel aus und ernannten Jerobeam zu ihrem König.
Rehabeam regierte hingegen das Land Judäa und die beiden südlichen Stämme Juda und Benjamin von Jerusalem aus. Beide Staaten lebten fortan in ständigen Widerstreit und schwächten sich dadurch gegenüber den Großmächten im Vorderen Orient, denn Israel und Judäa waren durch ihre Lage zwischen den Großmächten Ägypten im Westen und Mesopotamien im Osten leicht verwundbar.
So gelangten schließlich zuerst Israel und dann auch Judäa zwischen Anfang des 1. vorchristlichen Jahrtausends unter die Herrschaft der Assyrer, welche die jüdische Bevölkerung verbannten und ihr Land 722 v. Chr. verwüsteten.
Die gewaltsame Deportation insbesondere der Oberschicht war eine in der Antike übliche Methode, eroberte Länder zu befrieden, und so deportierten die Assyrer zwischen 733 und 722 v. Chr. über 30.000 Menschen, womit das nördliche Israel nach kaum 300 Jahren als Staat aufhörte zu existieren.
626 v. Chr. wurde Assyrien wiederum von den Babyloniern unter ihrem König Nebukadnezar erobert und in der Folge auch Judäa besetzt. Jerusalem wurde 597 v. Chr. zerstört und ca. 10.000 führende israelitischen Männer und ihre Familien nach Babylon verschleppt („Babylonische Gefangenschaft“) um auf diese Weise Aufstände zu verhüten.
Das babylonische Exil
Mit dem babylonische Exil beginnt die jüdische Diaspora und damit die Zerstreuung der Juden in alle Welt (Diaspora bedeutet Zerstreuung). Diese bildete den Grundstein für den Judaismus als eigenständige Kultur und Lebensanschauung, was in dieser Form letztlich das nationale und spirituelle Überleben des jüdischen Volkes sicherte und es als Nation vor dem Verschmelzen mit seiner Umwelt bewahrte.Denn die Vertreibung wurde von den Juden als Bestrafung Gottes für ein nicht ausreichend gottgefälliges Leben angesehen, was das jüdische Volk aufgrund des Paktes mit Gott zur Pflicht hatte. So kam es zu einer umso stärkeren Hinwendung der Juden zu religiösen Riten, um durch ein gottgefälliges Leben Gott milde zu stimmen.
Durch die Zerstreuung in die unterschiedlichsten Länder und Kulturen unter verschiedenen Herrschern entstanden in den einzelnen Ländern allerdings auch unterschiedliche Ausprägungen des Judentums.
So war Jeremias Brief an die Exilanten bspw. ein erfolgreiches Muster für das Überleben in der Fremde bis heute. Ohne die geistige Verbindung zur Heimat aufzugeben, sollten die Exilierten als loyale Bürger des Landes handeln in dem sie lebten. Nur wenn die Gesetze jenes Landes akzeptiert würden, konnte das Leben der jüdischen Gemeinde gedeihen, so die Annahme.
Jeremia 29,4-7 „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn ; denn wenn‘s ihr wohl geht, so geht‘s euch auch wohl. (Jeremias war ein religiöser und politischer Führer aus einer verstoßenen Priesterkaste der nach der Vertreibung durch Babylon sich für den Erhalt der nationalen Identität stark machte).
In diesem Sinne beendete die babylonische Eroberung zwar das erste jüdische Staatswesen, nicht jedoch die Verbundenheit der Juden mir ihrem Land.
Denn die Verbannten wohnten in geschlossenen Siedlungen und wurden nicht zur Aufgabe ihrer religiösen Bräuche gezwungen - so blieb Ihnen ihr nationaler Zusammenhang und ihre Hoffnung auf Rückkehr ins eigene Land.
So heißt es: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“, sangen sie. „Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein“ (Psalm 137,1.5.6).
Die Herrschaft der Perser
Doch nur 50 Jahre nach der Deportation von Judäa nach Babylon eroberte der Perserkönig Cyros 538 v. Chr. das Babylonische Reich und erlaubte den verbannten Juden in ihre Heimat zurückzukehren und gewährte den Juden eine Teilselbstverwaltung.Aber nur wenige nahmen diese Gelegenheit wahr, da viele Babylon bereits als ihre neue Heimat angenommen hatten und das angenehme und einträgliche Leben dort nicht aufgeben wollten.
Im Orient waren ethnisch organisierte Gruppen in fremder Umgebung eine häufige und prinzipiell akzeptierte Erscheinung. Da sie vom guten Willen der Obrigkeit abhängig waren, verhielten sie sich politisch zumeist loyal zu den jeweiligen Herrschern. So waren auch die Juden in den Städten des Mittelmeerraums ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und wurden oft privilegiert, um sie zum dauerhaften Ansiedeln zu bewegen.
Doch sie behielten ihre eigenen religiösen Traditionen, lehnten die Vielgötterei und Gottesbilder ab und hielten an ihren Gebräuche wie der Sabbatruhe, den Reinheitsgesetzen und ihren jüdischen Speisegesetze fest, was in der üblicherweise sowieso multikulturellen Umgebung jener Zeit in der Regel respektiert wurde.
Doch die jüdischen Handelsprivilegien konnten auch zu Spannungen mit der übrigen Stadtbevölkerung führen, die gleichermaßen wie die Juden „fremdbeherrscht“ lebte, was Neid und Missgunst gegenüber den Juden auslöste.
Die Perser zeigten sich ihren unterworfenen Völkern gegenüber zumeist tolerant und betrieben eine Politik der Versöhnung und Befriedigung.
Doch das um 150 v. Chr. entstandene Buch Ester berichtet auch von einem Ausrottungsversuch aus der Perserzeit: Danach soll Staatsminister Haman seinem König Ahasveros um 472 v. Chr. nahegelegt haben: „Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie handeln nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. Gefällt es ihm, so lasse er verfügen, dass man sie umbringe. Dann werde ich 10000 Zentner Silber abwiegen […] und in die Schatzkammer des Königs bringen lassen.“ (Est 3,8f. EU)
Es ging also um Vernichtung und Bereicherung, die mit ihrer Fremdartigkeit und angeblichen Auflehnung gegen Staatsgesetze gerechtfertigt wurde - eine bemerkenswerte Parallele zum Holocaust der Nazis 2500 Jahre später, bei denen Ausrottung und Bereicherung mit der Begründung der Andersartigkeit gerechtfertigt wurde.
In diesem Zusammenhang muss man jedoch sehen, dass die aus dem babylonischen Exil Zurückgekehrten unter den Persönlichkeiten Esras und Nehemias gegen 450 v. Chr. die verstärkte Absonderung von den anderen Völkern zur Grundlage des neuen jüdischen Staates gemacht hatten.
Sie wollten auf diese Weise die eigene kulturelle Identität nicht verlieren. Doch diese Absonderung von der Umwelt erzeugte natürlich Misstrauen und führte auch zu einer gesellschaftliche Spaltung der jüdischen Kultur. Während das einfache Volk an den alten Gesetzen festhielt, öffneten sich Kreise der Oberschicht in den Folgejahren nach dem Fall des Perserreiches vermehrt der hellenistische Kultur.
Die hellenistische Periode
Im Jahre 333 v. Chr. schlug der Makedonier Alexander der Große den Perserkönig Darius in der Schlacht bei Issos und die persische Weltmacht war besiegt. Alexander der Große zog nach Ägypten und besetzte dabei auch Judäa. Wie die Perser akzeptierten auch die Makedonier die kulturellen Traditionen der unterworfenen Völker, denn eine stabile Zentralherrschaft war nur durch Kooperation mit den Eliten und besonders der Priesterschaft möglich.Der in der Antike allgemein verbreitete Polytheismus machte den Zugang zu ähnlichen Religionen üblicherweise leicht, denn fremde Götter wurden einfach unter neuem Namen in das eigene Pantheon integriert. So wurde auch im jüdischen Volk die Religion bald mit griechischen Göttern durchsetzt.
Die Juden akzeptierten anfangs zwar ihre neuen Herrscher, denn auch unter den griechischen Ptolomäern durften Sie anfangs weiterhin nach ihren Gesetzen leben, doch die obere Schicht in Judäa übernahm bald hellenistische Denkweisen und begann am überlieferten Glauben zu zweifeln.
Auch in der jüdischen Diaspora in den hellenisierten Städten des Mittelmeerraumes kam es zu einem regen geistigen Austausch. Griechische Denker wie Theophrastus und Megasthenes sprachen mit Hochachtung vom Judentum und sahen in dessen Streben nach einer von Gottes Geboten bestimmten Lebensführung große Übereinstimmung zur griechischen Philosphie.
Nach dem Tode Alexanders des Großen Tod 323 v. Chr. zerbrach sein Großreich, und es kam zu Nachfolgekriegen. Die östlichen Provinzen seines Reiches wurden in die unabhängigen Königreiche der sogenannten Diadochen aufgeteilt und die syrischen Seleukiden versuchten ihre Macht in Judäa durch stärkere Hellenisierung zu sichern.
So bildete sich eine nichtjüdische, hellenistische Bevölkerung an der Küste heraus und von hellenisierten Städten aus drang die neue Kultur tief in die jüdische ein und verbreitete sich besonders in vermögenden und aristokratischen Familien und sogar die Priesteraristokratie geriet unter hellenistischen Einfluss.
Durch das strenge Festhalten der Juden an ihren Bräuchen, der zunehmende Bekanntheit der jüdischen Religion sowie aufgrund wirtschaftlicher Privilegien und politischer Konflikte, verstärkte sich in der Folge eine religiöse und kulturelle Ablehnung des Judentums.
Die religiös-kulturell-sozialen Auseinandersetzungen spitzten sich immer weiter zu, bis die Hellenisten ihre Gegner ausschalten wollten, indem sie den seleukidischen König Antiochos IV. Epiphanes 168 dazu bewogen, die jüdische Religion zu verbieten und die Hellenisierung der jüdischen Gesellschaft zu vollenden
König Antiochos, im Buch Daniel daher nicht umsonst als Erzfeind und „Gotteslästerer“ bezeichnet, ließ daraufhin griechische Götterbilder aufstellte, denen jedermann Ehrerbietung und Anbetung entgegenbringen musste und verlangte, dass die Israeliten ihrem Gott abschworen. Das führte zu blutigen Zusammenstößen mit den pietistischen Juden, die sich im Makkabi-Aufstand schließlich zur Wehr setzten.
Während sich die gehobenen Schichten nun vermehrt der hellenistischen Einflüssen öffneten, wandte sich das einfache Volk jedoch stärker den überlieferten Gesetzen und Traditionen zu. Die jüdische Gesellschaft begann sich in Hellenisten und Pietisten zu spalten.
Die Pietisten hielten am monotheistischen Glauben fest und erhoben sich schließlich unter Judas Makabäus in einer Revolte gegen die herrschende Priesterkaste.
Judas Makabäus war einer der großen Heerführer der jüdischen Geschichte. Er besiegte mit einigen tausend Anhängern nach verlustreichen Kämpfen das zahlenmäßig überlegene syrische Heer der Seleukiden in mehreren Gefechten zwischen 175 und 167 v. Chr. mit dem Ergebnis, dass Syrien den Juden schließlich die freie Ausübung ihrer Religion sowie die Befreiung von der Pflicht zur Verehrung lokaler Gottheiten zugestand und 157 v. Chr. Frieden schloss. Die Beziehungen zwischen jüdischen Diasporagemeinden und dem Kernland intensivierten sich in der Folge wieder.
Aus den Nachfolgern des Judas Makkabäus ging das Königshaus der Hasmonäer hervor, denen es schließlich mit römischer Unterstützung gelang das syrische Joch vollständig abzuschütteln und das jüdische Staatsgebiet auszudehnen. So konnte sie Judäa rund 100 Jahre lang die staatliche und religiöse Autonomie sichern sowie die angrenzenden Völker zum Teil mit Gewalt zum Judentum bekehren - Auf diese Weise erreichte das jüdische Staatsgebiet in der Zeit der Hasmonäer schließlich die größte Ausdehnung in seiner Geschichte bis Pompeius 64 v. Chr. Judäa für die Römer eroberte.
Aufgrund der jüdischen Unabhängigkeit wuchs auch die Judenfeindschaft unter den Griechen des Ostens, denn viele machten den „Verrat“ Judäas im Zusammenspiel mit dem übermächtigen Rom verantwortlich für den Untergang des Seleukidenreiches.
Die auf Expansion ausgerichtete Politik der Hasmonäer und die Zwangsjudaisierungen der angrenzenden Völker, führten bei den Griechen zu einem negativen Bild der Juden und griechische Gelehrte versuchten die Juden bei den neuen Herren in Rom zu diffamieren und einen Keil zwischen die Verbündeten zu treiben.
Da es überall im Mittelmeerraum und dem nahen Osten griechische und jüdische Enklaven mit Diasporagemeinden außerhalb Israels gab, gelangte das Judentum im Zuge der römischen Eroberung des Mittelmeerraumes nun zunehmend in den Fokus der römischen Welt.
Von ihren griechischen Lehrern übernahmen die Römer deren antijüdische Polemik, und selbst große Gelehrten wie Cicero, Seneca, oder, Juvenal verbreiteten die Vorurteile gegen die Juden weiter.
Nicht nur jüdische Sitten wie die Beschneidung wurden von den Römern als „barbarisch“ verteufelt, alleine schon der Sabbat als wöchentliche Ruhetag fiel in der römischen Umgebung auf, weil diese einen solchen nicht kannte.
So unterstellt der römische Schriftsteller Tacitus den Juden böswillig, der wahre Grund des Sabbat wäre die Faulheit der Juden. Ähnliches lässt der antike Autor Juvenal verlauten und der römische Philosoph Seneca rechnet sogar auf, dass der Sabbat ein Siebtel des Lebens kostete und warnt vor dem großen Schaden des Nichtstuns.
Besonders die Aufsätze des Tacitus werfen ein Licht auf die römische Gedankenwelt in Bezug auf das Verständnis der Juden in jener Zeit. So prangert Tacitus nicht nur den Sabbat und das Sabbatjahr an, sondern auch das Fasten und den Verzicht auf Schweinefleisch.
In der römischen Welt wurde der Verzicht auf Nahrung als besonderes Charakteristikum des Judentums angesehen. Die Fastenbräuche der Juden fielen hier besonders auf, da Fastenübungen in den alten griechischen und römischen Kulten kaum üblich waren, und weder für Priester noch für Laien gab es Fastenvorschriften, um sich würdig auf den Vollzug einer heiligen Handlung vorzubereiten. Nur in den griechisch-orientalischen Mysterienreligionen nahm der Verzicht auf Nahrung einen wichtigeren Platz als Bestandteil des Kultes ein.
Das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch war in den Augen der Römer eine enorme Auffälligkeit, denn hier gehörte das Schwein zur üblichen Ernährung, war sehr geschätzt und wurde auch als Opfertier dargebracht.
Auch durften sich die Juden ja keine Götterbilder nach dem Bild des Menschen fertigten, da dieses als Götzenanbetung angesehen wurde. Dass aber Gott nicht dargestellt werden durfte wurde natürlich in der langen Tradition griechisch-römischen Götterstatuen aus Marmor mit gemischten Gefühlen aufgenommen
Als Fazit schreibt Tacitus: „Dort ist alles unheilig, was bei uns heilig ist; andererseits ist bei ihnen erlaubt, was bei uns ein Frevel ist“. Hier sieht er den eigentlichen Antrieb jeglicher jüdischer Kultpraxis - Im Anderssein als die Anderen und damit in der Provokation der heidnischen Umwelt.
Indem er die Juden beschuldigt, sie pflegten exklusive Riten, klagt Tacitus sie sogar des Menschenhasses an: „Weil sie in Treue fest zueinander stehen, üben sie bei sich selbst Mitleid, aber feindseligen Hass gegenüber allen anderen“. Dieser Menschenhass, als Ausdruck der Abgrenzung und Andersartigkeit, wird als „odium humani generis“ – Hass auf alle Menschen – in der antiken Literatur stereotyp wiederholt, so bei Diodor, Pompeius, Trogus und Hekataios.
Das unterschied die antijüdische Polemik von der sonstigen römischen Verachtung der restlichen „Barbaren“. Daher kann man hier von einem antiken Antijudaismus sprechen, der Roms Bildungsschicht im 1. Jahrhundert v. Chr. durchsetzte. Diese sollte sich nach den Niederlagen der Juden in Judäa noch verschärfen.
Die römische Periode
64 v. Chr. hatte der römische Feldherr Pompeius das von politischen Streitigkeiten geschwächte Judäa für die Römer erobert und den Makkabäerstaat zerschlagen.Anfangs waren die Privilegien der Juden in ihrem Reich noch geschützt, denn die römischen Kaiser mussten sich das Wohlverhalten unterworfener Völker erkaufen indem sie auf deren kulturelle und religiöse Bräuche eingingen.
Besonders den Kaiserkult, der den römischen Herrscher zum Gott ernannte, konnten die Juden nicht ohne religiöse Selbstaufgabe anerkennen.
Daher war die jüdische Religion als „religio licita“ anfangs weitestgehend vom Kaiserkult befreit, bis im Jahr 6 n. Chr. der römische Kaiser Augustus die Privilegien der Juden aufhob.
Zwar hatte Julius Caesar den Vater des Herodes als römischen Vasall über Judäa eingesetzt, er erlag jedoch wegen seinem prorömischen Auftreten einem Attentat, und so wurde 40 v.Chr. sein Sohn Herodes zum König von Judäa.
Herodes bemühte sich zwar darum, ein „König der Juden“ zu sein und nahm große Rücksicht auf die Regeln, Sitten und Gebräuche des Judentums. Er wollte aber zugleich nicht auf den Herrschaftsstil eines hellenistischen Königs verzichten und ließ im ganzen Land zahlreiche hellenistische Bauwerke errichten.
Während seiner Herrschaft besaß Judäa trotz römischer Einflussnahme zwar eine relative Autonomie und die Lebensqualität war so gut wie nie zuvor, doch Herodes regierte auch mit Gewalt, so dass er wie sein Vater dennoch im Volk unbeliebt blieb. Im Jahr 4 v. d. Z. starb Herodes der Große und das Land verfiel das Land wieder in Unruhen und eine lange Zeit der Repressalien für das jüdischen Volk begann.
Denn schon im Jahre 6 n. Chr. hob der römische Kaiser Augustus alle Privilegien der Juden auf und der nachfolgende Kaiser Tiberius verfügte 19 n. Chr. die Vertreibung der Juden aus Rom und später die Einsetzung des Pontius Pilatus zum Statthalter Judäas.
Dieser provozierte die Juden schon beim Amtsantritt mit Kaiserstandarten im Jerusalemer Tempelbezirk, also mit den bildlichen Darstellungen des römischen Gott-Kaisers.
Im Jahre 38 n. Chr. wurde mit kaiserlicher Duldung ein Pogrom an den Juden in Alexandria begangen woraufhin die Diasporajuden im römischen Reich mit verstärkter Abgrenzung reagierten und die Tisch-, Ehe- und Kult-Gemeinschaft mit Andersgläubigen vor Ort verweigerten.
Das wiederum sahen diese als Beweis für das rückständige, arrogante und elitäre Auftreten der Juden.
Im Jahre 41 n. Chr. schließlich wollte Kaiser Caligula eine Kolossalstatue von sich im jüdischen Tempel aufstellen lassen, was zum Krieg hätte führen können, doch er wurde vorher ermordet. Sein Nachfolger Claudius versuchte die wachsenden Spannungen vergeblich zu mildern, doch es war zu spät.
Nach längeren Unruhen sollten drei Aufstände der Juden gegen die Römer folgten:
Der Jüdische Aufstand 66 bis 70, der Aufstand in Alexandria 115 bis 117 und der Bar-Kochba-Aufstand 132 bis 135.
Die jüdisch-römischen Kriege
Der jüdische Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit erreichte seinen Höhepunkt im erster Jüdisch-Römischen Krieg 66 n. Chr. Auslöser war der römische Statthalter Gessius Florus, der Teile des Tempelschatzes für Rom forderte. So brach unter Führung der Zeloten, einer radikalen jüdischen Gruppierung, der Aufstand gegen die Römer los. Die Zeloten verfolgten das Ziel der Befreiung Judäas von jeglicher Fremdherrschaft mit Gewalt was jedoch nicht von allen Juden unterstützt wurde.Unter den römischen Kaisern Nero und Vespasianus zerschlug eine gewaltige römische Streitmacht allmählich von Norden her den jüdischen Widerstand, bis es 67 und 68 n. Chr. zur Unterwerfung Galiläas und Judäas kam und 70 n. Chr. schließlich auch Jerusalem fiel.
Der Tempel wurde geplündert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt (die heutige Klagemauer ist der Überrest der Westseite dieses Tempels). Viele Juden wurden des Landes verwiesen und jüdische Gefangenen nach Rom und in entlegene römische Provinzen deportiert.
Im Jahre 132 n. Chr. kam es zum 2. Jüdische Krieg, als der römische Kaiser Hadrian (76- 138 n. Chr.) die Beschneidung unter Todesstrafe stellte und an der Stelle des zerstörten Jahweheiligtums ein Jupitertempel bauen wollte. Unter der Leitung des jüdischen Anführers Bar Kochba wurden die römischen Besatzungstruppen besiegte und Jerusalem sowie zahlreiche weitere Städte und Dörfer zurückerobert. Bar Kochba wurde von den Juden zum Messias ausgerufen und regierte in Judäa streng nach dem jüdischen Gesetz der Tora.
Doch nach langen und bitteren Kämpfen eroberten die Römer im Jahre 134 n. Chr. Jerusalem wieder zurück und zerstörten die Stadt erneut. Die Juden verloren ihr Recht auf Wiederansiedelung in Jerusalem, eine halbe Million Juden waren verhungert oder gefallen, das Land verwüstet und die jüdischen Siedlungen größtenteils vernichtet. Die Überlebenden wurden in die Sklaverei verkauft oder im ganzen Römischen Reich zerstreut.
Die Römer tilgten den Begriff „Judäa“, nannten es „Syria Palaestina“ und verboten den Juden der Zutritt nach Jerusalem - hiermit endete für nahezu 2000 Jahre die Existenz der jüdischen Nation auf eigenem Boden.
Die Römer wollten die Bewegung der Aufständischen zerschlagen, hatten aber nicht vor, die Juden als Volk auszurotten, wie später die Nationalsozialisten. Vielmehr ging es ihnen um Machtsicherung und Unterdrückung der jüdischer Glaubenstradition, aus welcher die Rebellion hervorgegangen war.
Das Judentum, wie es heute praktiziert wird, hat seine unmittelbaren Wurzeln in den Aufständen gegen die Römer und dessen Konsequenzen.
Denn als deutlich wurde, dass der Schlüssel für die Zukunft des jüdischen Volkes nicht in der Waffengewalt liegen würde, erfolgte eine gedankliche Umkehr: In der Bewahrung der religiösen Traditionen sollte fortan das Überleben des Judentums gesichert werden. Das hatte bereits der Gelehrte Jochanan ben Zakkai hatte schon nach dem ersten Krieg gegen Rom gepredigt.
Die Pharisäer, eine jüdische Sekte, übernahmen diesen Gedanken. Sie orientierten sich dabei an der Thora UND den mündlichen Gesetzen, wie sie von Moses überliefert waren.
Sie demokratisierten die jüdische Gelehrsamkeit, die zuvor nur einem kleinen Kreis offen gestanden hatte und ermöglichten nun allen jüdischen Männern ein Studium an den Akademien.
In Folge der geistigen Durchsetzung der jüdischen Gesellschaft und zahlreichen rabbinischen Debatten, wurde im Jahre 200 n. Chr. der Mischna kodifiziert, eine Abhandlung, die alle religiösen und säkularen Belange berührte und später in den Talmud einfloss.
Die Juden in nachrömischer Zeit
Während sich das Urchristentum noch als Teil des Judentums verstand und von der antiken Umgebung von diesem auch nicht unterschieden wurde, grenzte sich das um 100 n. Chr. zur eigenen Religion gewordene Christentum zunehmend gegen das Judentum ab. Damit übernahm es auch die traditionellen antijüdischen Stereotype der griechisch-römischen Welt.Nun sahen sich die Diaspora-Juden im römischen Reich nicht nur einem feindlichen Staat, sondern auch einer konkurrierenden Religion ausgesetzt, welche die gleichen religiösen Traditionen für sich beanspruchte wie sie selbst, sich aber gegen sie wendete.
Das Urchristentum bestand vor allem aus Christen jüdischer Herkunft, den später so genannten Judenchristen. Jesus, seine Jünger und die urchristlichen palästinensischen Gemeinden waren Juden und lebten als Randgruppe in der Tradition des Judentums, wohingegen die sog. Heidenchristen frühe Christen nichtjüdischer Herkunft waren.
Die Judenchristen behielten ihre jüdischen Traditionen und Vorschriften wie die Beschneidung und die Speisegebote bei, wohingegen die Heidenchristen zwar in Nachbarschaft zu jüdischen Religionszentren lebten, jedoch meist keinen praktischen Bezug zu deren jüdischen Bräuchen hatten.
So kam es zu Spannungen in der Frage, ob Heidenchristen auch die jüdischen Vorschriften einhalten müssten, bis sich das Christentum im 2. Jh. n. Chr. schließlich gänzlich vom Judentum trennte.
Ein eigenständiges Judenchristentum überdauerte allerdings noch einige Zeit. Es zeichnete sich durch einen jüdischen Glauben aus, der Jesus als den Messias oder den im Alten Testament angekündigten Endzeitpropheten anerkannte, jedoch nicht verlangte, Jesus als Gott den Herrn anzubeten, sondern nur einen einzigen und ungeteilten Gott.
Die Heidenchristen begründeten nun mit der sog. Substitutionstheologie den Heilsverlust aller ungetauften Juden und rechtfertigten damit die Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Minderheiten.
Mit dem Erscheinen Jesu als dem Messias glaubte nämlich das erstarkende Christentum die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung zu besitzen, die Israels Heilserwartung überholt und beendet habe.Somit wäre die Erwählung als Volk Gottes nun auf die Christen übergegangen und den Juden wurde nun grundsätzlich jeder eigene Zugang zum Heil abgesprochen - hiermit war der Grundstein für die kontinuierliche Judenfeindlichkeit im christlichen Europa gelegt.
Dieser christliche Antijudaismus bereitete den neuzeitlichen Antisemitismus vor und ermöglichte in letzter Konsequenz den Holocaust.
Nach der Substitutionstheologie wäre das von Gott erwählte Volk Israel nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht.
Aufgrund des angeblichen Gottes- bzw. Christusmordes seien Gottes Verheißungen an Israel auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen und die Juden könnten ihr Heil daher nur noch durch die Taufe und somit nur durch die Aufgabe ihres Judentums erlangen
Diese Lehre bestimmte fortan das Verhältnis des Christentums zum Judentum über Jahrhunderte und erst nach dem Holocaust begann in kirchlichen Kreisen allmählich ein Umdenken.
Nichtsdestotrotz versuchten verschiedenen christlichen Kaiser teilweise die römische Rechtstradition zu wahren und erließen Schutzvorschriften für die Juden, da die jüdischen Gemeinden als vormals oft rechtlich privilegierte Minderheit nun zunehmend an den Rand gedrängt, verachtet und ausgegrenzt wurden.
Das Judentum im Mittelalter
Nach den Wirrungen der Völkerwanderungszeit wurde ab dem Frühmittelalter zwischen 500 und 1050 n. Chr. der römische Katholizismus die dominierende Religion in der abendländischen Welt. Die Juden konnte durch die Gründung eigener Siedlungen und Gemeinden ihre Religion jedoch bewahren und hielten weiterhin an ihrem Glauben und ihren strengen Gesetze und Vorschriften fest.
Ab dem 5. Jh. betätigten sich die Juden verstärkt im Fernhandel, denn aufgrund der Diaspora unterhielten die jüdischen Gemeinden internationale Beziehungen, und hatten gute wirtschaftliche und sprachliche Kenntnisse. Durch den Import von Luxusgütern und Sklaven zwischen Orient und Okzident verbesserte sich somit die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der Juden.
Juden besaßen in Mitteleuropa jedoch kaum Möglichkeiten Land zu erwerben, sofern sie sich nicht taufen ließen, weswegen ihnen landwirtschaftliche Berufe versagt blieben.
Auch das Handwerk war in christlichen Zünften organisiert und den Juden zumeist verschlossen, weshalb diesen oft nur unehrliche Berufe als Lumpensammler und Tagelöhner blieben oder aber eben als Händler und Bankiers.
“Jude“ und „Kaufmann“ nahmen daher synonyme Bedeutung an. Doch Juden betätigten sich zudem auch als Juristen, Steuereinnehmer, Goldschmiede und Ärzte.
Zugleich standen die Juden im frühen Mittellalter unter dem direkten Schutz des Kaisers, welcher ihnen einen großen Bewegungsspielraum bot. Gegen beträchtlichen Zahlungen wurde den Juden erlaubt, ihre Religion frei auszuüben.
Noch unter Karl dem Großen (800-814) erlebten die Juden Jahre des Wohlergehens, doch auf Grund von wachsendem Glaubenseifer und zunehmendem weltlichen Machtstreben der Kirche mussten Sie bald wieder Einschränkungen im Alltagsleben und Abstriche in ihrer sozialen Stellung hinnehmen.
Denn das lange Zeit weitgehend entspannte Verhältnis zwischen Christen und Juden wurde durch die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem durch den Kalifen El Hakim im Jahre 1009 stark beschädigt.
In dessen Zuge trat die Kirche für eine strengere Isolierung der Juden von der christlichen Bevölkerung ein. Das führte zu verstärkten Konflikten und die zunehmende Judenverfolgung schränkte die Sesshaftigkeit der Juden zunehmend ein. Das 3. Laterankonzil untersagte 1179 das Zusammenleben zwischen Christen und Juden. Die Juden wurden nunmehr von der christlichen Bevölkerung abgesondert bis sich im 15. Jh. das den Juden zwangsweise zugewiesene Wohnviertel durchsetzte, das sog. Ghetto entstand.
Abends wurde es verschlossen, so dass die Bewohner nur tagsüber freien Zugang zu den übrigen Stadtbezirken hatten. Auch wurde eine Kleiderordnung eingeführt, um auch äußerlich die jüdische von der christliche Bevölkerung unterscheiden zu können. Für die Männer wurde ein spitzer Hut und ein gelber Ring („Judenfleck“) an der Kleidung verbindlich, Frauen sollten einen blaugestreiften Schleier tragen.
Neben dem Vorwurf der angeblichen Schuld des jüdischen Volkes am Tode Jesu, da ihn der Jude Judas Ischariot an die jüdischen Behörden verraten hatte, wurden die Juden allgemein der Brunnenvergiftung, Ritualmorden an Kindern sowie des Hostienfrevels bezichtigt.
Die im katholischen Gottesdienst gereichte Hostie wurde als Personifizierung des Leibes Christi angesehen und man erzählte sich Wunderdinge von blutenden Hostien die mit Kinderstimme sprachen und so den Charakter des „lebendigen Leibes“ Christi annahmen.
Angeblich sollten die Juden, wie sie einst Christi marterten, nun auch die Hostie martern, indem sie sich Hostien beschafften, mit Ahlen und Messern durchbohrten, in Aborte warfen und verbrannten und auf diese Weise Jesus immer wieder neu verspotteten.
Die Ritualmordlegende wiederum besagte, dass Juden um die Osterzeit Christenknaben entführen und schlachten, um deren Blut zu trinken. Damit begann eine maßlose Hetze gegen die Juden und vermeintlichen Tätern wurde durch Folter die gewünschten Geständnisse abgepresst, welche die Vorwürfe scheinbar bestätigten.
Besonders die Ritualmordlegende führte während des Mittelalters zu einem allgemeinen Hass auf die Juden und oft wurden sie grundlos ermordet, ohne dass man ihnen einen Prozess gemacht hätte.
Einen ersten Höhepunkt fand die Verfolgung der Juden in der Zeit der Kreuzzüge im 11 und 12. Jh., denn die gegen alle Nichtchristen gerichtete Kreuzzugsstimmung verschärfte den religiösen Gegensatz zu den Juden, die in vielen Städten Frankreichs und im Rheinland heimgesucht, ausgeplündert und umgebracht wurden.
So berichtet der französische Mönch Guibert von Nogent: „In Rouen sprachen eines Tages die Kreuzfahrer untereinander: ‚Wir wollen in den fernen Osten gegen die Feinde Gottes ziehen und müssen dafür einen langen Weg durch viele Länder hinter uns bringen. Doch hier, vor unseren Augen, leben die Juden, das allergottesfeindlichtste Volk - unsere Arbeit wäre verfehlt‘. Sprachen´s, nahmen ihre Waffen und drängten die Juden mit Gewalt in eine Kirche. Sie richteten das Schwert gegen alle, ungedacht des Alters oder des Geschlechts, und nur wer sich taufen ließ, kam lebend davon.“
Erleichtert wurden diese Grausamkeiten durch den Umstand, dass sich christliche Schuldner mit durch die Kreuzzüge legitimierten Morden an ihren jüdischen Kreditgebern leicht ihrer finanziellen Verpflichtungen entledigen konnten. Andere bereicherten sich einfach durch das Plündern jüdischer Haushalte.
Der deutsche König Heinrich IV. konnte gegen diese Massaker nichts unternehmen, denn der Kaiserhof war oft weit entfernt und die örtlichen Schutzmächte schwach.
Selbst päpstliche Stimmen zur Mäßigung, die vereinzelt zu vernehmen waren, blieben ungehört.
Nach den Pogromen der Kreuzzugszeit kam es zu einer neuen Welle der Judenverfolgung mit dem Ausbruch der Pest, die von 1347 bis 1353 in Europa wütete und etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte.
Man beschuldigte in Ermangelung anderer Erklärungen die Juden der Brunnenvergiftung und machte sie für den Ausbruch der Seuche verantwortlich, da manche jüdische Familien durch ihre religiösen Ernährungs- und Hygienevorschriften erst spät mit der Seuche infiziert wurden, im Gegensatz zum Rest der Stadtbevölkerung. So wurden die Juden zu Sündenböcken gemacht.
Der erste konkrete Fall einer Anklage fand 1348 in Savoyen (Frankreich) statt. Die dort unter dem Vorwurf der Brunnenvergiftung angeklagten Juden gestanden unter Folter ihre Schuld, und diese Geständnisse verbreiteten sich bald in ganz in Europa, was eine Flut von Judenpogromen auslöste.
Gegen die Seuche waren Staat als auch Kirche hilflos - Sie verloren daher zusehends an Autorität und konnten ihren Schutzanspruch gegenüber den Juden nicht mehr aufrechterhalten. Andererseits nutzten einige Herrscher die Juden als Sündenbock, um von ihrer eigenen Machtlosigkeit gegenüber den katastrophalen Zuständen während der Pestepidemien abzulenken und schürten so den Judenhass.
Dennoch gab es auch einzelne Personen, die sich für die jüdische Bevölkerung und ihre Unschuld stark machten. So stellte Papst Klemens VI. die Brunnenvergiftung in Frage, da auch in Gebieten, wo keinerlei Juden lebten die Pest ausbrach und auch die Juden von der Seuche nicht verschont blieben.
Aufgrund der Judenpogrome während der Pestepidemien im Mittelalter wurden große Teile der jüdische Gemeinden in Mitteleuropa dezimiert oder ganz ausgerottet. Aufgrund dessen wurden die Juden Europas immer weiter nach Osten abgedrängt wo sich über die Jahre große jüdische Gruppen niederließen
Im maurischen Spanien hingegen hatte das Judentum im 11. und 12. Jh. unter islamischen Einfluss eine wahre Blütezeit erlebt, bis dieses im 16. Jh. durch die Reconquista wieder christlich und man die Juden auch hier vertrieben.
Die jüdische Bevölkerung Spaniens spaltete sich in der Folge in zwei Teile: Die sog. ephardischen (Spanischen) Juden emigrierten nach Nordafrika, ins osmanische Reich, die Niederlande und bis nach Amerika, die sog. aschkenasischen Juden hingegen wendeten sich nach Deutschland, Polen und Russland. Besonders im Rheinland entstand in dieser Zeit eine große jüdische Gemeinde. Zudem gab es als dritte Gruppe noch immer diejenigen Juden, die in Judäa, Jemen und Babylon geblieben waren.
Das Judentum in der Neuzeit
Mit der kirchlichen Reformation durch Luther begann die protestantische Kirche ab etwa 1520 auf die Bekehrung der Juden zu hoffen, weil diese von nun an den christlichen Glauben in seiner reinen Form kennenlernen könnten.Luther machte in seinen Predigten auf die gute Erziehung und Arbeitsfreudigkeit der Juden aufmerksam und bezeichnete sie sogar als nicht so verdorben wie die Papisten.
Auch kritisierte Luther die Isolierung der Juden in Ghettos und forderte die Christen auf, die Juden in ihre Gemeinschaft mit aufzunehmen und damit auch das Recht der freien Berufswahl zu gewähren, da man die Juden lediglich durch die beruflichen Beschränkungen zum verhassten Wucher getrieben habe.
Dass die erhoffte „Umkehr auf den rechten Weg“ bei den meisten Juden nicht ankam, verbitterte jedoch den alternden Reformator und so übte er verstärkte Kritik an den Juden mit dem Ziel, die Juden von der Unsinnigkeit ihrer Messiashoffnung zu überzeugen
Luthers antijüdische Polemik erfuhr 1543 ihren Höhepunkt in der ungeheuerlichen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ in welcher er von der Obrigkeit u.a. verlangte, alle Synagogen und Privathäuser der Juden zu zerstören, den Besuch öffentlicher Gottesdienste und jüdischer Lehrveranstaltung bei Todesstrafe zu verbieten, Juden nicht mehr als Händler wirken lassen und ein Verbot des Wuchers zu erlassen sowie Zwangsarbeit für alle jungen Juden beiderlei Geschlechts forderte und letztlich sogar für die Deportation der Juden nach Palästina eintrat.
Als in Folge der Reformation im Jahre 1618 der 30jährigen Krieg ausbrach, dienten die Juden den Heerführern häufig als Kriegslieferanten und Überbringer von Nachrichten, da sie landesweite Verbindungen hatten. Für Soldaten und Bauern wiederum fungierten sie als Wechsler erbeuteter Münzen, als Käufer von Beutegut und als Verkäufer von Waren aller Art.
Dem Westfälischen Frieden folgte eine merkantilistisch orientierte Zeit, in welcher die europäischen Staaten danach strebte, die Ausdehnung ihrer Macht durch die Förderung der heimischen Produktion zu fördern.
Selbst die lange Zeit verpönten Geldgeschäfte der Juden galten nunmehr als erstrebenswert, da diese für den Wiederaufbau der durch den Krieg verwüsteten Länder notwendig waren. Für viele Juden war nun ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg möglich, denn die Juden bedienten bei der Beschaffung größerer Kredite eine wichtige Marktlücke.
Im 16. und 17. Jahrhundert lebten die meisten deutschen Juden zwar noch in kleinen Vorstädten oder auf dem Land und arbeiteten als Viehhändler, Hausierer, Geldwechsler oder Pfandleiher, neben ihnen gab es aber nun auch zunehmend reiche jüdische Minderheiten, die sogenaaannten Hofjuden.
In der Zeit des absolutistischen Staats mit seiner kostspieligen Hofhaltung erlangten die Hofjuden als Bankier, Finanzberater, Heeres- und Hoflieferant oder Diplomat zu großem Einfluss.
Sie waren deshalb von den sonst üblichen Einschränkungen der Juden ausgenommen, und besaßen großzügige Wohnsitze und Niederlassungsfreiheit.
Trotz ihres Einflusses blieb jedoch auch die Sicherheit der begüterten Juden von der Gunst der jeweiligen Fürsten abhängig. Ohne deren Schutz waren sie der Feindschaft der Stände und der Bevölkerung ausgesetzt, da sie im Auftrag des Fürsten oft unbeliebte Maßnahmen durchsetzten.
Besonders Preußen bot den Juden jedoch ein sehr gutes wirtschaftliches Umfeld, denn während die jüdischen Kaufleute und Handwerker in den vorausgegangenen Jahrhunderten aus ihren Berufen verdrängt worden waren, sorgte Friedrich Wilhelm I. gezielt dafür, dass diese sich wieder in verschiedenen Wirtschaftszweigen ansiedelten um seinen noch jungen Staat aufzubauen.
Die Juden hatten zumeist eine gute Bildung und waren durch Geldgeschäfte oft vermögend, weshalb sie die preußische Wirtschaft fördern konnten. Obwohl sie auch hier starken Einschränkungen unterlagen nahm die Zahl der Juden in Preußen stetig zu und es bildete sich in Berlin eine der größten jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland.
Im 18. Jh. wurde das Los vieler Juden im Zuge der Aufklärung zunehmend besser, doch war das Judentum nach wie vor eine Klasse mit verminderten Rechten am Rande der Gesellschaft. Sie lebten zumeist in ärmlichen Verhältnissen und hatten kaum Anteil an der Entwicklung des Landes.
Ihr Leben spielte sich im Sinne der Traditionen ihres Volkes ab. Sie hatten Freiraum nur innerhalb der Gemeinde und der Familie.
Der Grundstein für die Gleichberechtigung der Juden wurde schließlich in der Französischen Revolution 1789 gelegt. „Freiheit, Gleichheit, und Brüderlichkeit“ sollten hier erstmals auch für die Juden gelten, obwohl selbst so große Denker wie Voltaire nicht vor dem Judenhass gefeit waren.
Unter der Voraussetzung, dass die Juden sich in die christliche Gesellschaft eingliedern, wurden sie französische Staatsbürger und galten dort fortan nur noch als Glaubensgemeinschaft.
Die Schlagworte der Französischen Revolution wurden nach dem Siegeszug der französischen Armeen unter Napoleon auch in den besiegten Ländern wirksam und die Juden den Bürgern dort anfangs gleichgestellt.
Doch schon 1808, keine 10 Jahre nach der Revolution, wird von Napoleon das sog. „schändliche Dekret“ veröffentlicht, in dem der jüdischen Bevölkerung das Recht des Handels, des Gewerbes und der Freizügigkeit eingeschränkt wurde und das v.a. die ärmsten Juden traf - ein herber Rückschlag.
Auch in Amerika gewährte man den jüdischen Religionsanhängern 1791 mit der „Bill of Rights“ völlige Glaubensfreiheit. In Holland verabschiedete die erste Nationalversammlung 1796 eine jüdische Bürgerrechtsvorlage.
England war den anderen Staaten in Sachen Judenemanzipation um einiges voraus: Schon Mitte des 17. Jahrhunderts wurde ihnen religiöse Versammlungsfreiheit gewährt. Ende des 18. Jahrhunderts waren die wohlhabendsten jüdischen Familien Europas in die Gesellschaft integriert und ihnen wurden hohe Ämter zuteil.
Auch im Reich der Habsburger in Österreich hatten die Juden anfangs keinen Anteil am Staat und wurden gesellschaftlich ausgegrenzt. Viele Gewerbezweige und Bildungseinrichtungen waren ihnen verschlossen. Doch unter Joseph II. erschienen zwischen 1781 und 1789 einige Judenpatente, die für die Juden neue Pflichten, aber auch neue Rechte bedeuteten.
So sollten die Juden einen deutschen Namen annehmen und Deutsch lernen, die Kinder wurden verpflichtet eine Grundschule zu besuchen und Männer hatten Wehrpflicht zu leisten, was den Juden ein Gefühl von Heimat vermittelte.
Im russisch-orthodoxen Russland hingegen brach eine neue Leidenszeit für die Juden an. So wurde die Juden unter Katharina II. und Alexander I. schrittweise „zum Schutz der Bevölkerung gegen das Unrecht jüdischen Konkurrenz“ in ein Sperrgebiet im von Russland annektierten Polen verbannt, was eine erneut Ghettoisierung bedeutete.
Nikolaus I. erzwang brutal die Taufe der Juden, und da sich diese nicht selten dagegen wehrten, reagierte der Zar mit der Einschränkung ihrer Siedlungsgebiete, verbot das Tragen der Schläfenlocken und besteuerte das Tragen von Kaftan und Käppchen.
Sein Nachfolger Alexander II. widerrief zwar die meisten Gesetze, beschimpfte jedoch die Juden als „Verseucher des slawischen Geistes“ - Damit waren diese auch weiterhin aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Unter Alexander III. wurden Pogrome schließlich zur Staatspolitik, womit der russischen Bevölkerung ein Ventil geschaffen werden sollte um vor Missständen im Land abzulenken. Viele Juden flohen vor diesen Gewaltausschreitungen von Russland nach Amerika.
So fristeten die Ostjuden ihr Dasein in Armut, eingesperrt in Ghettos und verhaftet in ihren Traditionen und einer eigenen Sprache abgeschottet vom Rest der Bevölkerung.
Die Juden im Westen hatten hingegen eine fortgeschrittenere Assimilierung in die Gesellschaft erfahren und sich mit der Urbanisierung sprachlich ans Deutsche angeglichen.
Die Unterscheidung von Westjuden und Ostjuden bezeichnet daher weniger die unterschiedliche geographische Herkunft als vielmehr die soziokulturellen, religiösen und sprachlichen Unterschiede zwischen West- und Osteuropa.
Dem freieren Leben im Westen gegenüber stand die Ghettoisierung und Lebensform des sog. Schtetl (Siedlungen mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil), dem Festhalten an der Halacha (dem rechtlichen Teil der jüdischen Überlieferung) und der Beibehaltung der im Kontakt mit slawischen Sprachen weiterentwickelten jiddischen Sprache.
Dieses wurde aus „westjüdischer“ Sicht als Merkmale „ostjüdischer“ Rückständigkeit bewertet, während Fürsprecher des osteuropäischen Judentums dessen kulturelle Eigenständigkeit gegenüber der Angepasstheit und Selbstpreisgabe westeuropäischer Juden hervorhoben.
Die in dieser innerjüdischen Auseinandersetzung geformten Stereotype wurden in der antisemitischen Propaganda der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus zu der Vorstellung herausgebildet, dass sich im „Ostjuden“ eine „Minderwertigkeit“ in besonders offensichtlicher Form manifestiere, die die „jüdische Rasse“ als solche insgesamt kennzeichne.
Die Emanzipation der Juden in Deutschland ging zunächst eher langsam vor sich, beschleunigte sich aber mit der Aufklärung zusehend. Bereits 1781 veröffentlichte Christian Wilhelm Dohm, Kriegsrat im Departement für auswärtige Angelegenheiten in Berlin, das Werk „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. Darin ruft er die Juden dazu auf, nützlichere Glieder für den Staat und die Gesellschaft zu werden. Hierdurch würden sie selbst glücklicher werden und somit keinen Anfeindungen mehr ausgesetzt sein.
In Baden wurde im Zuge der französischen Expansion 1809 ein Gesetz über die Gleichberechtigung der Juden erlassen und 1812 erließ Karl August Fürst Hardenberg ein königliches Edikt über die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Preußen.
Mit den Preußischen Reformen wurden auch im westlichen Teil Deutschlands die Ghettos aufgelöst und die Juden bekamen zeitweilig Bürgerrechte, obwohl ihnen Staatsämter weiterhin verwehrt blieben.
Dennoch herrschte in Deutschland keine Einigkeit bei der jüdischen Emanzipationsfrage. So hielten andere deutsche Staaten weiterhin an ihren mittelalterlichen Vorstellungen fest.
Durch den Prozess der Industrialisierung wurden zudem die Zünfte aufgelöst und die Juden hatten fortan freien Zutritt zu fast allen Geschäftszweigen. Nun bestand auch eine Begeisterung für das Vaterland Deutschland und die jüdische Bevölkerung glaubten sich nun fast am Ziel ihres Kampfes um Gleichheit und Anerkennung.
Aufgrund der Integration in Heer, Regierung und freien Berufen ging jedoch im Gegenzug vielerorts die jüdische Identität verloren. Das Leben im Ghetto hingegen war zwar aufgezwungen, doch bot es auch Schutz vor äußeren Einflüssen.
Durch den Wiener Kongress von 1814/15 wurde nach den napoleonischen Kriegen das Staatensystem wieder neu geordnet und alle Rechte der jüdischen Bevölkerung, die sie unter der französischen Herrschaft genossen hatten, wieder aufgehoben. Juden wurden von Universitäten und Akademien ausgeschlossen und aus dem öffentlichen Leben verbannt.
1818 fasste der Hofrat Karl von Widmann die Meinung Joseph II. so zusammen: Die zukünftige Politik müsste so gestaltet werden, „indem man sich ... zum Ziele setzte, das Universum der Judenschaft unschädlich, die Individuen aber nützlich zu machen“. Dieser Satz war symptomatisch für die Judenpolitik des aufgeklärten Absolutismus.
Die jüdische Antwort darauf war folgende: Um die Emanzipation durchzusetzen, müsse man die negative Haltung vieler Christen den Juden gegenüber abbauen. Da diese Ablehnung vor allem auf Unwissenheit beruhte, wurden nunmehr viele Schriften über Geschichte, Kultur, Liturgie und Philosophie der jüdischen Religion veröffentlicht.
Die jüdische Emanzipation
Mit der schrittweisen Emanzipation des Judentums im Verlaufe der Aufklärung begann für die Juden in Westeuropa und Nordamerika der Aufbruch in die Moderne.Denn solange die Juden aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen waren und keinen Zugang zur Gesellschaft, mussten sie sich zwangsläufig auf ihre Wurzeln besinnen um in der Fremde Halt und Richtschnur zu haben. So konnten Sie ihre Religion und Identität auch in der Diaspora lange Zeit bewahren.
In dem Zuge aber, indem sie die Möglichkeit erhielten, als vollständig integrierte Mitglieder der Gesellschaft angesehen zu werden und um weiteren Pogromen zu entgehen, entschieden sich viele Juden dazu, sich taufen zu lassen.
So bezeichnete Heinrich Heine nicht ganz zu Unrecht die Taufe als „Entreebillet in die europäische Kultur.“ Andere hingegen versuchten sich innerhalb ihrer jüdischen Wurzeln auf die Moderne einzustellen, was jedoch zu tiefen Risse im allgemeinen Verständnis der jüdischen Theologie führte.
Schon Moses Mendelson 1729 - 1786, als „modernen Jude“ ein brillanter Gelehrter und treibenden Kraft hinter der Haskala, der jüdischen Aufklärung.
Seine Auseinandersetzung mit der jüdischen Vergangenheit brachte ihn zu der Erkenntnis, dass es notwendig sei, sich auch als Jude die moderne europäische Kultur und Philosophie anzueignen und so war er um das Aufbrechen der kulturellen Isolation seiner Glaubensgenossen bemüht.
Um dieses Ziel zu erreichen, übersetzte er die 5 Bücher Mose ins Deutsche.
Er versuchte auf diese Weise die aufgeklärte europäische Gesellschaft mit der jüdischen Lebensweise in Einklang zu bringen und setzte sich als einer der Ersten mit der Frage auseinander, wie man seine Identität als Jude bewahren und gleichzeitig einer modernen Gesellschaft gegenüber aufgeschlossen sein könne.
Aus diesem Kontext heraus entstand im frühen 19. Jh. das sog. Reformjudentum, welches sich bemühte, das religiöse Judentum mit dem aufklärerischen Werten der westlichen Welt in Einklang zu bringen und es ihren Anhängern weitgehend frei stellte, welchen Aspekten der jüdischen Theologie sie folgen wollten, wobei nicht die Rituale sondern ethische Prinzipien im Mittelpunkt standen.
Die Reformbewegung übte großen Einfluss auf andere Zweige des Judentums aus, schuf jedoch auch massive Spannungen zwischen den einzelnen Strömungen, die bis heute nachwirken und nach wie vor aktuell sind.
So ist das orthodoxe Judentum nach wie vor eine in sich sehr unübersichtliche Bewegung, die in viele verschieden Strömungen zergliedert ist. Sie reichten von den modernen Orthodoxen über die sog. Chassidim bis zu den Ultraorthodoxen.
Die moderne Orthodoxie bildete sich Mitte des 19. Jh. als Reaktion auf das Reformjudentum heraus.
Rabbi Samson Raphael Hirsch formulierte den Gedanken:“Thora in Verbindung mit säkularem Wissen“, denn er hatte für sich erkannt, dass die jüdische Gemeinde mit der Moderne Frieden schließen müsse, dieses aber im Rahmen eines nach traditionellem Muster geführten Judentums. Jene Strömung war daher offen für alle Erkenntnisse der Naturwissenschaft soweit diese nicht in Konflikt mit dem grundlegenden Glauben standen.
Einen ganz eigenen Charakter hatte hingegen der Chassidismus, eine mystische Strömung aus dem osteuropäischen Judentum. Die Chassidim führen ihre Ursprünge auf die Lehren Israel Ben Elezar (1700 - 1760) zurück.
Sie legten bei der Ausübung ihres Glaubens auf die Freude einer ursprünglichen und einfachen religiösen Praxis Wert und waren weniger intellektuell ausgerichtet.
Dann gab es auch noch die Strömung der Rekonstruktionisten, die zwar klein, aber einflussreich war, und das Judentum als eine sich immer weiter entwickelnde Kultur definierte.
Das konservative Judentum wiederum suchte die goldenen Mitte zwischen Reformjudentum und Orthodoxie und ist bis heute besonders in Amerika verbreitet. Hier wurde unter anderem den Frauen eine größere Gleichberechtigung im religiösen Leben zugestanden.
In diesem Sinne hatte die jahrhundertelange Ausgrenzung der Juden aus den jeweiligen Gesellschafen in denen sie lebten, im Umkehrschluss dazu beigetragen, die reichhaltige jüdische Kultur zu konservieren und über Jahrhunderte lebendig zu halten.
Ähnliches sieht man auch heute wieder bei Emigranten, die in der Fremde sich zum Teil stärker auf die eigenen kulturellen Werte rückbesinnen und diese Ausleben, um in der Unsicherheit der Fremde mentale Zuflucht in vertraute Werte zu finden.
So werden oftmals Parallelgesellschaften gebildet. Ja selbst von einer Art Ghettoisierung (Türkenghetto) wird zum Teil gesprochen, wie es zum Beispiel in Berlin im Bezirk oder in Frankfurt sichtbar geworden ist.
Da die ursprünglich ansässige Bevölkerung fortzieht oder ausstirbt, die Wohnungen nur noch schwer an Einheimische zu vermieten und dadurch preiswerter Wohnraum entsteht, der wieder neuen Zuzug durch Migranten fördert, die in der abgeschlossenen Welt ihres „Ghettos“ um so weniger genötigt sind, sich in die andersartige, westliche Welt zu integrieren und sich zudem durch Kleidergewohnheiten ganz ähnlich wie einst bei den Juden auch optisch von der restlichen Bevölkerung abheben, kommt es zu vermehrter Abgrenzung, wie es heute auch in der Politik wieder angesprochen wird (Pegida).

