Der Nierendolch / Hodendolch

Wissenswertes über den Nierendolch im Mittelalter

Der sogenannte Nierendolch, der Form nach auch Hodendolch genannt, wurde im14. Jh. als Beiwaffe zum Schwert getragen und entwickelte sich bis zum 16. Jh. zu einem charakteristischen Modeaccessoire der mittelalterlichen Männer-Gewandung. Als Waffe des Ritters wurde der Hodendolch auch als Panzerstecher gebraucht, der gemäß seiner Funktion auch die Bezeichnung „misericordia“ für lateinisch. Barmherzigkeit oder eingedeutscht den Namen Gnadegott trug, und mit dem man dem vom Pferd gefallenen Ritter (der Name ist Programm), das Visier oder die Achselhöhlen durchstieß und zuweilen sicher auch einmal eine Kehle aufschlitzte. In den norddeutschen Quellen jener Zeit wurde der Nierendolch hingegen Pook oder Poeke genannt.
Der Nierendolch hat seinen Ursprung vermutlich in den Schweizer Dolchmessern des späten 13. Jahrhunderts, deren Griffe bereits ähnliche kugelige Verdickungen aufwiesen.

Erste Hinweise auf den Nierendolch findet man unter anderem in der Heidelberger Liederhandschrift um 1300 sowie auf einer Darstellung in der St. Katharinen-Pfarrkirche zu Vel’ká Lomnica in der Slowakei aus etwa dem gleichen Zeitraum.
Das früheste Original eines Hodendolchs stammt aus Konstanz und datiert ins späte 13. Jahrhundert, wo man in einer Kloake einen Holzgriff fand, der eine deutliche Verwandtschaft zu späteren Nierendolchgriffen aufwies. Doch im Gegensatz zu den späteren Exemplaren waren die „Nieren“ bei diesem Fund eher wie kleine Hörner ausgebildet.
Allgemein gebräuchlich scheint der Nierendolch erst im Laufe des 14. Jh. zu werden, und er setzte sich in Deutschland erst relativ spät durch. Dagegen sind sowohl im niederländischen und französischen Raum, als auch in englischen Handschriften eine Vielzahl von Nieren- und Hodendolchen in jener Zeit abgebildet.

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Darstellungen von Hodendolchen aus dem Mittelalter

Darstellungen von Hodendolchen aus dem Mittelalter

Der Nierendolch war während des späten Mittelalters in weiten Teilen Europas verbreitet. Er findet sie sich nicht nur im deutschsprachigen Gebiet, sondern auch in Polen, Slowenien, Tschechien und in anderen osteuropäischen Ländern. Die größte Verbreitung hatte der Nierendolch allerdings in Westeuropa.
Innerhalb Deutschlands war der Nierendolch vor allem im Bereich der Hanse beliebt, doch gibt es zahlreiche Funde aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Der Nierendolch war in seiner über fast 400 Jahre umfassenden Geschichte somit der am weitesten verbreitete und gebräuchlichste aller Dolche im Mittelalter. Der Nierendolch machte in dieser Zeit eine Vielzahl von Veränderungen durch und wandelte zuweilen Funktion und Gestalt. So konnte der Hodendolch sowohl als breites Dolchmesser seinen Dienst tun oder als spitzer Panzerstecher auftreten, als auch einen rein dekorativen Charakter haben. Nicht zuletzt wurde der Nierendolch von Rittern, Bürgern und Bauern gleichermaßen getragen und war in allen Bevölkerungsschichten verbreitet.

So zeigt eine Wandmalerei aus der Elmelunder Kirche in Dänemark den Nierendolch als zur bäuerlichen Tracht gehörig. Durch seine phallische Form war der Hodendolch markanter Ausdruck des freien Mannes, der die Manneswehr in bürgerlichem Selbstbewusstseins als zivile Waffe und Zeichen seines Standes zur Selbstverteidigung stets bei sich trug.
Die Kehrseite bestand allerdings darin, dass es – wie zeitgenössische Berichte erzählen – in den Städten häufig zu Messerstechereien kam und mancherorts das Tragen von Waffen daher stark eingeschränkt wurde. So konnte bereits das bloße Ziehen des Messers oder Dolches mit schweren Strafen belegt werden.

Obgleich man immer vom Nieren-Dolch spricht, überwiegen im Fundmaterial eindeutig einschneidige Klingen und eher weniger Dolche, also zweischneidige Klingen, wobei viele Exemplare auch längere oder kürzere Rückenschneiden besaßen.
Es liegen zudem auch zweischneidige Spitzen und Mittelgrate sowie aufwendige Klingenformen mit sogenanntem Ricasso vor.

Der Griff des Nierendolchs bestand mitsamt seiner hodenförmigen Verdickungen fast immer aus einem einzigen Stück Holz und konnte auch Beschläge aus Eisen, Messing und Silber aufweisen. Einige kostbare Hodendolche des 15. Jh. weisen auch Hoden aus Metall oder Bein bzw. Knochen auf, doch waren diese eher selten.
Zur Befestigung der Klinge wurde der Holzgriff häufig ohne weitere Befestigung einfach auf die Angel gezogen. Man bediente sich aber oftmals auch kleiner Endknöpfe aus Metall, die als runde oder ovale Scheiben oder sogar als Knaufkronen auftraten, um die Angel am Ende des Griffes zu befestigen.
Wo sich Griff und Klinge trafen waren dünne Platten aus Messing oder Bronze üblich, seltener aus Eisen, die den Griff an dieser Stelle zusätzlich verstärkten und dem Nierendolch einen ästhetisch-schönen Abschluss gaben.

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Passend zum Nierendolch wurde eine Lederscheide getragen, die entweder schlicht oder mit Ortband, Mundblech und Zwischenstücken aus Messing oder Bronze versehen sein konnte, es kamen zuweilen aber auch Scheiden aus Metall vor. Der Nierendolch wurde direkt am Gürtel auf der rechten Körperseite getragen, wobei er sowohl senkrecht als auch schräg hängend befestigt sein konnte und wurde gerne mit einer Gürteltasche kombiniert, die ebenfalls oftmals nierenförmig gestaltet sein konnte. Es war aber auch üblich, den Hodendolches direkt vor der Lende hängend zu tragen, was seinen phallischen Charakter noch zusätzlich unterstrich.
Eine interessante Variante war es auch, den Dolch nicht selber am Gürtel zu befestigt, sondern in einer Tasche zu tragen, wie es auf dem Altarbild in der Kirche St. Jacobi zu Lübeck gut zu erkennen ist. Daneben finden sich auch Darstellungen, die eine Befestigung am Oberschenkel zeigen.

Literaturhinweise
– KNORR, Heinz / Messer und Dolch. Eine Untersuchung zur mittelalterlichen Waffenkunde in gesellschaftskritischer Sicht, in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte
– MÜLLER, Heinrich ; KÖLLING, Hartmut / Europäische Hieb- und Stichwaffen aus der Sammlung des Museums für Deutsche Geschichte
– SCHOKNECHT, Ulrich / Mecklenburgische Nierendolche und andere mittelalterliche Funde, in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1979
– SCHOKNECHT, Ulrich / Mecklenburgische Nierendolche und andere mittelalterliche Funde (Teil II), in: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1982
– SCHNEIDER, Hugo / Waffen im Schweizerischen Landesmuseum; Griffwaffen 1

Verfasst von Peer Carstens auf Grundlage einer Arbeit von Peter G. (stekemest), Dippoldiswalde 2010

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3 Gedanken zu “Der Nierendolch / Hodendolch

  1. Lieber Peer Carstens, es wäre schon nett gewesen, wenn Sie den Artikel, der Ihnen als Vorlage für diesen Text gedient hat, auch als Quelle erwähnt hätten – nämlich der von mir unter dem Pseudonym „stekemest“ vor einigen Jahren im Internet veröffentlichte Aufsatz über Nierendolche, der sich zum Beispiel bei den Kollegen von Vehi Mercatus nachlesen lässt (die mich für die Veröffentlichung um Erlaubnis gefragt haben):

    http://www.fahrendehaendler.de/Vehi-Mercatus/Waffen-und-Zubehoer/Dolche/Der-Nierendolch/

    Sie selbst haben sogar meine Literaturangaben komplett übernommen, inklusive der von mir damals verwendeten Schreibweise. Auch wenn der Text ansonsten nicht kopiert, sondern leicht abgeändert ist, hätte ich eine Erwähnung schon ganz nett gefunden!

    Beste Grüße,
    Peter G. (stekemest)

    • Hallo Peter,
      stimmt, ich habe bei der Recherche zu diesem Thema neben verschiedenen anderen Publkationen unter anderem auch Informationen von der genannten Veröffentlichung verwendet, habe aber wie es für Sekundärquellen Gepflogenheit ist ganz bewußt vermieden Textstellen im Wortlaut zu übernehmen, sondern den Text so weit wie möglich eigenständig formuliert und mit anderweitigen Recherchen ausgebaut habe. Eine einzuholende Erlaubnis wäre somit auch nicht vonnöten, da es sich hier um einen komplett eigenständg formulierten Text handelt. Ich möchte allerdings der wirklich guten und engagierten Vorarbeit hohe Anerkennung zollen und bin selbstverständlich gerne bereit, einen Hinweis auf die Publikation und deren Verfasser mit anzugeben.

      • Hallo Peer,

        Vielen Dank für die Änderung. Dann ist ja alles paletti. 🙂 Viel Erfolg noch mit eurem Shop.

        Grüße, Peter

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