Die Taschen im Mittelalter

Die Entwicklung der Tasche vom frühen bis späten Mittelalter

Noch bei den Germanen und Wikingern und auch während des Hochmittelalters scheinen Taschen und insbesondere Gürteltaschen ausgesprochen selten gewesen zu sein, obgleich es doch einige Funde von Taschen aus jener Zeit gibt. Im Alltag aber schienen sich die Menschen damals hauptsächlich mit Beuteln und kleinen Säcken aus Leder und Stoff begnügt zu haben. Und auch noch in den folgenden Jahrhunderten erfreute sich der einfache Lederbeutel unangefochtener Beliebtheit, obgleich sich das Sortiment an Taschen zunehmend vergrößerte.

Im ausgehenden Hochmittelalter begannen sich Gürteltaschen jedoch schließlich durchzusetzen. Sie konnten aus Leder sein, waren jedoch häufig aus Stoff gefertigt, wobei es zunächst eher halbrunde und D-förmige Gürteltaschen gab, später dann auch trapezoide Formen.

Aus den Grabungen von Konstanz ist eine stumpf- D-förmige Gürteltasche bekannt, die in die Zeit um 1320 bis 1340 datiert und mit einem dünnen Riemen und Schnalle verschlossen wurde. Dieser Fund  entspricht der heutigen Vorstellung einer mittelalterlichen Gürteltasche sehr gut. Eine ganz ähnliche Tasche ist auch aus Bayreuth bekannt. Diese datiert auf die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Im späten 13. und frühen 14.Jahrhundert traten zwar noch vollständig halbrunde Taschen auf, wie sie von der manessischen Liederhandschrift und einem Fund von der Runneburg in Thüringen belegt sind.

     
Links: Tasche aus der Runneburg / Rechts: Manessischen Hanschrift

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Gegen Mitte des 14. Jahrhunderts erfreuten sich dann jedoch zunehmend trapezförmige Gürteltaschen großer Beliebtheit. Bei diesen Taschen waren die Trapezschenkel zum Teil sehr ausgeprägt, oft aber auch weniger, so dass die Taschen eine fast  rechteckige Formgebung hatten.
In der Maciejowski-Bibel, der sogenannnten Kreuzfahrerbibel aus dem 13. Jahrhundert kann man sehr schön die typische Form dieser Taschen erkennen. Diese Taschenform wird häufig auch aus Pilgertasche bezeichnet, da man sie oft auf entsprechenden Darstellungen der mittelalterlichen Bildkunst findet.

    

Eine große Zahl historischer Bildquellen aus dem Mittelalter zeigt den Gebrauch von Gürteltaschen während des 14. Jahrhunderts. Die Gürteltasche scheint dabei zumeist rechterhand getragen worden zu sein; es gibt aber auch Abbildungen, bei denen die Tasche mittig über der Schnalle getragen wurde. Häufig sieht man auch ein Messer oder einen Dolch, der zwischen den beiden Gürtelschlaufen am Gürtel befestigt ist.

Die trapezförmige Gürteltasche breitete sich als modisches Accessoire ab Mitte des 14. Jahrhunderts von England ausgehend über Frankreich in ganz Europa aus und blieb bis in das 15. Jahrhundert hinein in Gebrauch, bis sie bis erst Anfang des 16. Jahrhunderts endgültig von der Nierentasche abgelöst wurde.

Im 14. Jahrhundert fallen vor allem zwei verschiedene Taschen-Formen ins Auge: Die lederne Gürteltaschen, die mit zwei Schlaufen auf den Gürtel gezogen und ausschließlich von Männern getragen wurde, und die Taschen, die an einem Lederriemen oder einem Börsenbügel befestigt waren und sowohl von Mann wie Frau des Bürgertums und höheren Standes getragen wurden. Hier traten sowohl trapezförmige wie beutelförmige Taschen auf.

    

Eine Sonderform ist der sogenannte Almosenbeutel. Dieser zeichnete sich durch einen Taschenbügel mit einem daran befestigten dicken Draht aus, an dem sich ein Beutel aus Stoff oder weichem Leder befand. So konnte man mit einer Hand einfach in den Beutel hineingreifen und Almosen an die Bedürftigen verteilen. Mit einer Schnürung im Eingriff ließ sich der Almosenbeutel verschließen.

Taschenbügel finden sich sehr häufig im Fundgut des Mittelalters und waren weit verbreitet. Je nach Art der Tasche war der Bügel nur einige wenige Zentimeter oder etwa handlang. Bügeltaschen blieben bis weit in die Renaissance verbreitet und waren oftmals kostbar bestickt und an den Enden mit Troddeln versehen.

Eine weitere Gürteltasche des Mittelalters, wie sie unter anderem aus den Funden von Konstanz und mehreren Bildwerken bekannt ist, war ein länglicher Lederbeutel, der an einer Schlaufe am Gürtel befestigt wurde und ebenfalls an einem Taschenbügel befestigt sein konnte.

Verschlossen wurde diese Gürteltasche indem man einem Knopf durch einen Schlitz im Deckel zog. Zusätzlich zum Hauptbeutel konnten bei dieser Tasche auch noch weitere kleinere Beutel an der Außenseite befestigt sein.

    

Die Nierentasche schließlich ist wohl die bekannteste Form der mittelalterlichen Taschen und nicht nur archäologisch gut belegt, sondern auch im spätmittelalterlichen Bildmaterial ungemein verbreitet. Charakteristisch für die Nierentasche ist die dem Namen entsprechende Formgebung. Der Taschen-Deckel ging bei der Nierentasche dabei direkt in die Gürtelschlaufen über, die zumeist sehr breit und dekorativ geformt waren.

Da die Gürteltasche im späten Mittelalter endlich ein unentbehrlicher Bestandteil der Gewandung geworden war und je nach Ausführung einen Ausdruck von Ansehen, Rand und Würde darstellte, waren Nierentaschen häufig auch mit Beschlägen aus Zinn oder Messing versehen, die die Form der Nierentasche noch zusätzlich unterstrichen. Verschlossen wurde die Nierentasche mit einer Schnalle in der Mitte der Tasche, die sowohl klein und zart, als auch groß und breit gestaltet sein konnte.

Nachbildungen von Nierentaschen und Beschlägen findet man auch im Onlineshop von Pera Peris

Auch im Spätmittelalter war es oftmals üblich ein Messer oder den nun verbreiteten Hoden- oder Nierendolch mittig zwischen den Gürtelschlaufen am Gürtel zu befestigen. Die Nierentasche blieb bis in das 17. Jahrhundert hinein in Europa verbreitet.

Doch neben der Nierentasche waren auch andere Taschenformen üblich. Eine klassische Gürteltasche ist auf dem Lübecker Gertrudenaltar zu sehen, der um 1500 datiert. Die Gürtelschlaufen waren bei dieser Tasche mit Schnallen verbunden, so dass sie sich mit wenigen Handgriffen vom Gürtel lösen ließ.

Eine interessante Abweichung von der Nierentasche stellt die Tasche von Helgeansholmen, heute einem Stadtteil von Stockholm, dar. Diese weist zwar die typischen Gürtelschlaufen und Extrasäckchen der Nierentasche auf, hat aber eine trapezartige Form. Dieselbe Taschen-Form ist auch von dem mittelalterlichen Bildnis eines Täschners bekannt. Sie scheint also keine Ausnahme gewesen zu sein. Einen völlig andersartigen Zuschnitt hatte die Tasche eines holländischen Händlers, die eher rechteckig geformt war.

Neben ganz einfachen, flachen Nierentaschen entwickelten sich im Laufe der Zeit recht komplizierte Taschen-Formen mit raffinierten Innenfächern und mehreren auf der Vorderseite angebrachten zusätzlichen Beuteln. Hierdurch konnten die Nierentaschen schon in ungefülltem Zustand schon recht voluminöse Ausmaße erreichen.

Einen Zwitter stellte die sogenannte Falknertasche dar, bei der sich Elemente des Almosenbeutels mit den kleinen Säckchen der Nierentasche verbanden. Ergänzend hatten manche Falknertaschen mehrere Bänder und Schlaufen, an denen das erlegte Wildbret auf dem Rückweg befestigt werden konnte.

Ganz eigen ist hingegen der Geldwechsler-Beutel, der sowohl archäologisch wie bildlich belegt ist und bei dem sich um eine Art Griff eine größere Anzahl kleiner Säckchen gruppierten, in denen der Geldwechsler die verschiedenen Währungen mit sich führte.

Des Weiteren gab es auch größere Schnürbeutel, an denen mehrer kleinere Beutel befestigt waren, die denselben Zweck erfüllten.

Auch aus dem Schiffswrack der Mary Rose, die Mitte des 16. Jahrhunderts versank, sind zwei Ledertaschen bekannt, von denen die eine einen D-förmigen Zuschnitt hatte und die andere rechteckig geformt war und drei zusätzliche Säckchen besaß.

In der Renaissance finden wir schließlich auf vielen Holzschnitten Abbildungen von Gürteltaschen und Schultertaschen in D-Form, die große Ähnlichkeit mit den sogenannten Hirtentaschen besitzen, wie sie auch heute noch immer in Gebrauch sind. Diese Taschen-Form scheint durchaus verbreitet gewesen zu sein.

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Verfasst von Peer Carstens, Dippoldiswalde 2012

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3 Gedanken zu “Die Taschen im Mittelalter

  1. Hej,
    das ist ein supertoller Bericht.Hatte ja keine Ahnung, dass es so viel über Taschenfunde zu berichten gibt.
    Die trapezförmigen Taschen waren eigentlich ziemlich unpraktisch, finde ich, mit den spitzen Ecken. Die waren aber anscheinend ja ziemlich beliebt. Das muss doch einen Grund gehabt haben?

    • Hej Birkaflicka,
      hat mich auch schon gewundert. Eigentlich kann ich mir nur einen Grund vorstellen – Materialersparnis! Vermute mal, dass die Tasche aus 2 Teilen bestanden hat, die zusammengenäht wurden. Wahrscheinlich hatte man so was wie ein Muster, dass man auf den Stoff oder das leder auflegen können, also 1 x kopfüber und 1 x kopfunter, und dann platzsparend ausgeschnitten.

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