Runenmagie- und Orakel

Über die Magie der Runen im germanischen Runenorakel

Wer auf der Suche nach archäologischen Zeugnissen durch den Norden Deutschlands und Skandinavien reist wird unweigerlich auf die so genanten Runensteine stoßen, steinerne Bildwerke unserer Ahnen auf denen sich jene in den Stein geritzte oder gehauene Zeichen, die Runen befanden.

Das Wort Rune stammt vom Begriff „Raunen“ ab, es waren also ursprünglich geflüsterte Worte bevor die Menschen des Nordens begannen, diese in Stein zu verewigen.

Obgleich die Gelehrten noch immer darüber streiten, wie und woher die Runen bei den Germanen einst in Gebrauch kamen, so gibt die Edda darüber auf ihre Weise Auskunft. Nach dem Mythos fand einst der nordische Gott Wodan, den die Wikinger Odin nannten, jene magischen Zeichen während einer geistigen Versenkung und der Gott Heimdall brachte das Wissen über ihren Gebrauch schließlich den Menschen.

Pragmatischer gesehen entwickelten sich die Runen bei den Germanen um etwa die Zeitenwende als eine Reihe von 24 Zeichen, die man heute als die ältere oder gemeingermanische Runenreihe bezeichnet, da diese bei allen Germanenstämmen jener Zeit in Gebrauch war. Man nennt diese Runenreihe nach den ersten sechs Runen „Fuþark“.

Nach dem Ende der Völkerwanderungszeit verkürzte sich das Futhark zwischen 600 und 800 n. Chr. um acht auch nur noch 16 Runen, und manche der Runen erhielten eine neue Form. Diese neu entstandene Runenreihe wird als „Jüngeres Futhark“ bezeichnet und kam in verschiedenen Ausprägungen vor.

Insbesondere die Runen des älteren Futharks wurden für magische Zwecke verwendet und finden sich an verschiedenen Artefakten um ihre schutz- oder segenspendende Wirkung ausüben zu können. Jedoch wurden diese Runen insbesondere für das Runenorakel der Germanen verwendet, bei dem kleine Hölzer, „Kefli“ genannt, mit eingeritzten Runen geworfen und aus Ihnen die Zukunft gelesen wurde.

Man hat sogar jene Runenhölzer im archäologischen Fundmaterial entdeckt: Es waren kleine Holzstäbchen von ca. 3 x 1,5 cm Breite und häufig aus Buchenholz gefertigt. Davon abstammend ist unser heutiges Wort „Buchstabe“ und der Begriff „Lesen“ im Sinne von auflesen, denn der Runenwerfer las drei Stäbchen vom Boden auf um sie zu lesen.

Es gibt mehrere Überlieferungen darüber, wie die Germanen einst das Losen der Runen zu magischen Zwecken ausübten. So beschreibt der römisch Schriftsteller Römer Tacitus vor fast 2000 Jahren in seiner Abhandlung „Germania“ wie folgt::

„Das Verfahren beim Runenlosen ist einfach. Sie (die Germanen) schneiden von einem Frucht tragenden Baum einen Zweig ab und teilen ihn in mehrere kleine Stücke. Jene machen sie durch eingeritzte Runen kenntlich und streuen sie wie es der Zufall will auf ein weißes Tuch. Der Stammespriester betet bei einer öffentlichen Befragung zu den Göttern, bei einer privaten hingegen der Hausvater. Jener hebt zum Himmel blickend nacheinander drei Zweigstücke auf und deutet sie nach den eingeritzten Zeichen. Lautet das Ergebnis ungünstig, so findet am gleichen Tage keine Befragung mehr über denselben Gegenstand statt; lautet es hingegen günstig, so muss es noch durch weitere Vorzeichen bestätigt werden.“

Die drei Runenstäbchen hatten auch eine Verbindung mit den drei Nornen, Urd, Verdandi und Skuld, den Schicksalsfrauen der Germanen, welche die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentierten und diese in den gezogenen Runen darstellten.

Die Runenhölzer wurden im Spätsommer oder Herbst, geschnitten wenn die Bäume die meisten Kraft hatten. Die Runen auf den Runenstäbchen ritzte man in der Nacht unter dem Raunen der jeweiligen Rune und färbte diese mit eigenem Blut, Opferblut oder rotem Krappwurzelsud.

Das Runenorakel selbst durfte nur unter freiem Himmel stattfinden und man warf die Runenstäbchen nachdem man seine Frage an das Orakel formuliert hatte mit Blick nach Norden und einem Gebet zu den Göttern auf ein weißes Tuch und las alsdann mit geschlossenen Augen nacheinander drei der Runen auf um sie zu deuten.

Jede der Runen hatte dabei einen eigenen Begriffswert, Lautwert und Zahlwert. So heißt beispielsweise die erste Rune des Futhark „Fehu“, was „Vieh oder beweglicher Besitz bedeutet, sie trägt den Lautwert „F“ und als erstes Zeichen der Runenreihe den Zahlwert 1.

Das Futhark wurde in drei Achtergruppen unterteilt, die verschiedenen Göttern zugeordnet waren, und als „Aettir“ bezeichnet werden, was so viel wie Geschlechter bedeutet. Die ersten acht Runen sind dem Gott Wodan / Odin zugeordnet, die nächsten acht dem Gott Donar / Thor und die letzten acht Tiu / Tyr.

Und so lauten die Runen und ihre Bedeutung.

1. Aett – Wotan

/ f – fehu (Vieh, Fahrhabe, Besitz, Gold, Geld, Gedanken, Himmel, Wotan)

/ u – uruz (Rind, Auerochse, weibliche Kraft, Stärke, Erde, Tür, Inneres, Frigg)

/ þ – þorn (Dorn, Riese, materielle Kraft, Tod, Trennung, Fesselung, Donar)

/ a – ansuz (Mund, Äußerung, Fluss, Mündung, Ahnen, Seelen, Befreiung, Asen)

/ r – raido (Ritt, Reise, Weg, Straße, Ursprung, Wagen, Bewegung)

/ k – kenaz (Krankheit, Geschwür, negatives Schicksal)

/ g – gebo (Gabe, Opfer, Opferfest, Vermehrung, Treffen, Geschenk)

/ w – wunjo (Wonne, Wohlbefinden, Wunschlosigkeit, Erfüllung)

 

2. Aett – Donar

/ h – hagla (Hagel, Zerstörung, Scheitern, Verderben),

/ n – naudiz (Not, Knechtschaft, Entbehrung, Zwang),

/ i – isaz (Eis, Erstarrung, Verderben, gefahrvoller Weg, Kälte, Winter),

/ j – jeran (Jahr, Stunde, Ernte, Sommer, Wechsel in die warme Zeit),

/ ë – ëwaz (Eibe, Eibenbogen, verborgene Gegner, Feinde, Hinterhalt),

/ p – perþo (Lebenslauf, Tod/Geburt, Tanz, Spiel, Freude, Neubeginn Perchta),

/ z – algiz (Elch, Schutz von Haus und Heiligtum, Neuentstehung, Abwehr, Schutz)

/ s – sowelo (Sonne, Schutz, Sieg)

 

3. Aett – Tiu

/ t – tiwaz (Götter, Kriegsgott, Bewegung, Belebung, Aktivität, Kampf, Streit, Tiu)

/ b – bercanan (Birke, Fruchtbarkeit, Liebe, Frau, Schönheit, Sexualität, Freyja)

/ e – ehwaz (Pferd, Ross, guter Begleiter, Helfer, Geisthelfer)

/ m – mannaz (Mond, Mondgott, Menschen, Männer, Wissen, Heimdall)

/ l – laguz (Wasser, See, Meer, Lache, Lagune, Quelle, Weisheit, Gedeihen, Leben)

/ ŋ – ingwaz (Fruchtbarkeit, Frieden, Freien, Freude, Feuer, Sonnenfeuer. Freyr)

/ d – dagaz (Tag, Licht, Segen, Reinheit, Erleuchtung, Sonne, Baldur)

/ o – oþala (Erbe, Heimat, Heim, Land, Adel, Edel, fester Besitz)

 

Verfasst von Peer Carstens auf Grundlage einer Abhandlung von Geza von Nemenyi, Dippoldiswalde 2013

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Ein Gedanke zu “Runenmagie- und Orakel

  1. Finde ich sehr schön zusammengefasst und übersichtlich dargestellt.
    Zusätzlich zu den aufgeführten Bedeutungen kann man auch die Strophen des altengl. Runen-Gedicht zur Interpretation dazu nehmen. Dann bekommt man vielleicht noch ein besseres Gefühl für die Aussage.

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