Thorsberg und Nydam

Die germanischen Opferplätze von Thorsberg und Nydam

Der Fund von Thorsberg

Im südlichen Schleswig, kaum 5 km nördlich der Schlei gelegen, wurde bei der Ortschaft Süderbrarup Ende des 19. Jh. in einem durch Anhöhen isolierten Kesselmoor einer der bedeutenden archäologischen Funde aus der römischen Kaiserzeit entdeckt – der berühmte Fund von Thorsberg. Die Erhaltungsbedingungen für organisches Material waren im Thorsberger Moor optimal, wohingegen die meisten Eisengeräte jedoch leider meist stark zerstört waren.

Bis in das frühe 5. Jh. n. Chr. wurden im Thorsberger Moor den Göttern von Angehörigen des westgermanischen Stammes der Angeln geopfert, und es haben sich so bis heute beeindruckende Zeitzeugnisse wie Waffen, Schilde, Zaumzeug, Kleidung, Holzgegenständen, Werkzeug und Trachtschmuck erhalten.

Diese Funde geben uns ein einzigartiges Bild vom Leben der Germanen der Völkerwanderungszeit. Der Name Thorsberg legt dabei nicht notwendig nahe, dass das Heiligtum zur Zeit der Angeln tatsächlich dem Gott Donar, bzw. Thor geweiht war, denn es ist ebenso gut möglich, dass der Name erst später durch den dänischen Einfluss in der Wikingerzeit geprägt wurde, deren Angehörigen in diesem Moor Thor verehrt haben mochten.

Über 90 % der Funde des Thorsberger Moores wurden im 3. und 4. Jh. niedergelegt, wobei mit Beginn des 3. Jh. die Waffenopfer zunehmend in den Vordergrund traten. Diese Waffen stammten vermutlich aus den Konflikten zwischen nordgermanischen Stämmen aus Skandinavien und kontinentalen Germanen aus den Gebieten des „freien“ Germaniens (Germania magna), die in direkter Nachbarschaft zum Römischen Reich siedelten.

Unklar ist allerdings, ob die geopferten Waffen von abgewehrten Invasoren erbeutet wurden, oder ob es sich um Beutestücke handelt, die von den Angeln nach Beutezügen in Südskandinavien als Siegertrophäen geopfert wurden. Sehr viele Stücke sind jedoch auch römischer Herkunft, und da es Hinweise auf römische Feldzüge im norddeutschen Raum während des 3. Jh. gibt, ist es auch gut möglich, dass diese Waffen zum Teil in Schlachten vom römischen Imperium erbeutet worden waren.

Zu den herausragenden Funden gehörten neben einer Vielzahl von Waffen insbesondere der berühmte Prachtmantel von Thorsberg. Aber auch hervorragend erhaltene Tuniken, Hosen und Wadenwickel sowie römische Helme und Münzen und als Prachtstück eine Gesichtsmaske aus vergoldetem Silber, die einst einem römischen Reiter gehört hatte.

Auch allerlei Werkzeuge wurde gefunden und sehr viele Waffen wie Speere, Schwerter, Bögen, Pfeile, Äxte, Schilde und Überreste von Ringpanzern.
Von diesen Ringpanzern, die ursprünglich aus bis zu 20.000 kleinen Ringen zusammengesetzt waren, von denen jeder Ring in vier andere gesteckt war, wurden jedoch nur einige Bruchstücke gefunden. Auch römische Münzen aus der Zeit von 60 und 194 n. Chr. wurden in Thorsberg gefunden.
Die gut erhaltenen Schilde aus Thorsberg trugen einen halbkugelformigen Schildbuckel aus Bronze und waren zumeist leichte, runde Armschilde aus recht dünnen, glattgehobelten Brettern von Erlenholz, einige waren auch aus Eiche und nur sehr wenige aus Kiefer gefertigt.

Neben den Waffen gehören zu den wichtigsten Funden von Thorsberg die Textilfunde, denn diese waren in einem bemerkenswert guten Zustand.
Geborgen wurden unter anderem eine lange Hose, ein Rock und zwei Mäntel, sowie mehrere Wickelgamaschen, und die selbe Kleidung, die hier gefunden wurde, ist auch auf der Marcussäule in Rom abgebildet, von der mehrere Germanendarstellungen überliefert sind.

Insbesondere der Hose und dem kostbaren Prachtmantel von Thorsberg gehört Beachtung und diese sind nicht umsonst neben anderen textilen Funden der germanischen Eisenzeit heute im Textilmuseum Neumünster ausgestellt.

Der Fund von Nydam

Der Nydam-Fund, neben dem Fund von Thorsberg der zweite große Opferfund in Schleswig-Holstein, wurde Ende es 19. Jh. wenige Kilometer westlich von Alsen im Nydam-Moor-Sund entdeckt. Es ist ein ungemein bedeutender Fund der germanischen Eisenzeit zwischen 300 bis 400 n. Chr.

Die Menge der Funde in Nydam war außerordentlich groß. So wurden alleine 106 Schwerter und Schwertscheiden aus Holz gefunden, davon nicht weniger als 93 kostbare Damaszenerklingen, einige sogar mit Fabrikstempel und Inschriften von lateinischen Buchstaben. Darüber hinaus wurden 552 eiserne Lanzenspitzen in verschiedenen Formen ausgegraben, 36 Holzbögen und mehrere hundert Pfeilschäfte und Pfeilköcher, sowie 37 Eisenbeile und 70 Schildbuckel – ein wirklich beeindruckender Fund.
Neben verschiedenen Holzgerätschaften fand man darüber hinaus auch Schmuckbeschläge und Schnallen aus Bronze und Silber, römischen Silbermünzen aus der Zeit von 67 bis 217, Reitzeug und Riemenbeschläge, Reste von Eisensporen, Knochen von Pferden und sogar ein ganzes Pferdeskelett, sowie das Skelett einer Kuh.

Viele der Gegenstände waren vor der Niederlegung bewusst zerstört worden. So waren Schilde und Schildbuckel gespalten, Wurfspeere verbogen und die Widerhaken aus ihren ursprünglichen Stellungen gezerrt, die Speerstangen gespalten und die Schwerter verbogen.
So, berichteten die Römer, versprachen die Germanen ihren Göttern oftmals bevor sie in den Krieg zogen, die erwartete Kriegsbeute als Dank für einen Sieg zu opfern. Oresius, ein spätrömischer Schriftsteller, der im 5. Jh. lebte, berichtete in seiner Weltgeschichte »Historiae adversum parganos« von den damals vermutlich in Jütland siedelnden Cimbern wie folgt: »Die Kleider wurden zerrissen, die Panzer in ihre Teile zerlegt, Pferdegeschirr wurde zerstört, Gold und Silber in den Fluss geworfen – so dass den Siegern nicht mehr Beute übrigblieb als Gnade für die Besiegten.«

Doch was den Nydam-Fund so einzigartig macht, das ist das Nydam-Schiff – ein germanisches Ruderboot, das um 320 n. Chr. im Nydam-Moor geopfert wurde und nahezu vollständig erhalten geblieben ist. Neben diesem waren auch noch zwei weitere Boote im Moor versenkt worden, doch diese waren bei weitem nicht so gut erhalten.
Das Nydam-Boot war ein in Klinkerbauweise gefertigtes, hochseetaugliches Kriegsfahrzeug von über 22 m Länge und mehr als 3 m Breite, das als Truppentransporter bis zu 45 Krieger aufnehmen konnte.
Das Nydam-Schiff besaß einen kräftigen Kiel und war aus überlappenden Planken gefertigt, die mit eisernen Nieten untereinander verbunden waren, was dem Rumpf eine große Festigkeit gab. Der schwungvoll nach oben gezogenen Bug war mit der Bodenplanke solide verbunden .
Das Nydam-Schiff war zwar nur ein reines Ruderboot und verfügte über kein Segel. Dennoch besitzt dieser bemerkenswerte Schiffsfund bereits alle Voraussetzungen, die nur wenige hundert Jahre später die Schiffe der Wikinger zu den besten ihrer Epoche machten.

Mit solchen Ruderschiffen eroberten die Angeln und Sachsen um 300 die britische Insel, besiegten die einheimischen Briten und begründeten die angelsächsische Kultur im künftigen England.
Das Siedlungsland der Angeln lag damals im östlichen Teil Schleswigs, etwa von der Eider bis zur Flensburger Förde. Im Westen grenzten die Länder der Angeln an den verwandten Volksstamm der Jüten, die im westlichen Südjütland siedelten.
Um 450 n. Chr. verließen die südlich der Eider lebenden Sachsen in großer Zahl ihre Gebiete und zogen nach Südengland. Bald folgten ihnen auch Angeln und Jüten nach, um für ihr Volk fruchtbareres Siedlungsland zu finden.

               

Heute befinden sich die Funde aus Thorsberg und Nydam im Museum Schloß Gottorf in Schleswig und können dort besichtigt werden. Das Nydam-Schiff kann vollständig rekonstruiert in der benachbarten Nydamhalle zusammen mit den bemerkenswerten Funden mehrerer Moorleichen bewundert werden.

Literaturhinweise

– Conrad Engelhardt: Thorsberg Mosefund. Kopenhagen 1863

–  Klaus Raddatz: Der Thorsberger Moorfund. Gürtelteile u. Körperschmuck. Wachholtz Verlag, Neumünster 1957

– Michael Gebühr, Claus von Carnap-Bornheim: Nydam und Thorsberg. Opferplätze der Eisenzeit; Begleitheft zur Ausstellung. Archäologisches Landesmuseum, Verein zur Förderung des Archäologischen Landesmuseums e. V., Schloss Gottorf, Schleswig 2000

– Klaus Raddatz: Der Thorsberger Moorfund-Katalog. Teile von Waffen und Pferdegeschirr, sonstige Fundstücke aus Metall und Glas, Ton- und Holzgefäße, Steingeräte. In: Offa-Bücher 65. Wachholtz Verlag, Neumünster 1987 ISBN 3-529-01165-7

–  Herbert Jankuhn: Nydam und Thorsberg. Moorfunde der Eisenzeit. Wachholtz Verlag, Neumünster 1962

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2 Gedanken zu “Thorsberg und Nydam

  1. Ich stutzte, als ich las, daß Süderbrarup im „südlichen“ Schleswig- Holstein läge. Da liegt wohl eindeutig ein Fehler vor.

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